Minusgrade

zum ersten Mal

in diesem Herbst

sehe ich

klar

meinen Atem

vor meinem Mund

sich

verlieren

in der Luft

während ich die Alster überquer

schicke ich dir

eine Sprachnachricht

von meinem Morgen

und seinen Gedanken

die Sonne steht

tief

meine Hände in den

wärmenden Hosentaschen.

Fomo

sagst du, als wäre das ein Wort

und mir unbedingt bekannt

nicke ich verständig

mein Handy gleich zur Hand

google ich mal eben

was das eigentlich heißt

und checke nebenbei

meine neuen Insta-Likes

ach und wobei

wer hat meine Story angesehen

nochmal zurück, verdammt

es sind immer noch bloß zehn

Likes und nicht mal eine Speicherung

als ich zu dir schau

tippst du auf deinem Handy rum

kurz darauf blinkt meines auf

nun ganz oben im Chatverlauf

„die Angst etwas zu verpassen“

ich muss lachen

und schalte das Handy

aus

der Angst dich

wieder

zu verpassen.

Der Platz neben mir

Der Platz neben mir ist frei

Am liebsten reise ich allein

ohne Ziel mit ganz viel Zeit

ich kenne dich nicht

doch verschwende ich

diesen Moment an dich

du sitzt mir gegenüber

wir meiden Sichtkontakt

trotzdem treffen unsere Augen sich

wieder und wieder

für einen schüchternen Blick

in dem sich spiegelnden Fensterlicht

dein Gesicht und mein Gesicht

in den Tunneln und den Seen

die an uns vorüberziehen

du lächelst zuerst oder bin es doch ich

jedenfalls setzt du dich bald neben mich

schweigend ins Gespräch vertieft

lege ich meinen Kopf in deinen Schoß

du streichelst mir durchs Haar

wie es früher meine Mutter tat

als ich erwache

ist der Platz neben mir frei

du bist ausgestiegen

ich bin wieder allein

nur dein Blick ist mir geblieben.