Auf dem Zugdach nach Sylt

Ich steh auf einer Brücke

am Bahnhof in Klanxbüll

zwischen zwei Gleisen

das eine führt nach Sylt

unter meinen Füßen

rauscht ein Güterzug vorbei

drückt nach oben warme Luft

strömt an mir vorbei

ich würde gerne springen

auf das Dach

wie in so vielen Filmen

und denke nach

wie ich wohl fiele

wenn ich spränge

was ich mir täte

was gewönne

wenn ich reiste

als blinder Passagier nach Sylt

auf dem Dach

ich denke nach.

Reise in die Vergangenheit

Ich war hier

zuletzt vor sieben Jahren

damals blühten

jetzt fallen die Kastanien.

Ich fühle die Bewegung

fühle auch die Angst

und trotzdem wage ich

diesen nächsten Tanz.

Das Schloss im Blick

und auch das Amtsgericht

vom Spielplatz her tönt Kinderlärm

wer sie und wir wohl heute wären

wenn du damals

nicht zu mir gehalten hättest

wenn du damals

mit ihm gegangen wärest.

Eppendorf/ Othmarschen

Ich gehe mit meiner Mutter

durch die Stadt

wir gehen den ganzen Tag

von der Alster an die Elbe

bis zum Jenischpark

ein wenig östlich

wuchs meine Mutter auf

wir werfen einen Blick

auf ihr Elternhaus

sie weiß über jeden Winkel hier

etwas zu berichten

erzählt Geschichten

aus Kindheit und Jugend

von ihrem Großonkel und dessen

vermeintlicher Tugend

ich frage mich

werd‘ ich so auch mal

durch Norderstedt gehen

und meiner Tochter erzählen?

von Teufelsbrück

geht es mit der Fähre zurück

den Wind im Gesicht

im Kopf dieses Gedicht.

Das Bild der zwei Brücken

Ich steh‘ unter zwei Brücken

die eine führt gen Norden

die andere gen Süden

über mir zwei Brücken.

Auf Schienen fahren die Bahnen

immer denselben Weg

die Schienen sind der Rahmen

für immer denselben Weg.

Die Menschen malen das Bild aus

mit stetig verschiedenen Farben

sie steigen ein und steigen aus

verändern mild die Farben

des immer selben Wegs

mancher sitzt und mancher steht

doch jeder geht auf seinem Weg

zumindest ein paar Schritte

mancher sucht nach seiner Mitte

mancher fand sie schon vor Jahren

mancher band sich, zu bewahren

mancher sieht die ersten Risse.

Meine Wahrheit brodelt verborgen

zusammen mit meinen Lügen

gestern wie heute wie morgen

wie kann ich mir genügen?

Was dich ausmacht

Wie viele Gesichter du hast, ob du sie alle kennst

ob du einen Elefanten beim Namen nennst

wann du weinst und wann du auslachst

was du liebst und was dich ausmacht

wo du dich betrügst, wann du lügst

ob der äußere Schein trügt

was du dir wieso verbaust

was du dich nicht traust

worüber du dich ärgerst

wen du gern verärgerst

wovor du Angst hast

wann du laut lachst

ob du dich sehnst

was du verpönst

was du verbirgst

was mit dir stirbt

was dich antreibt

was von dir bleibt

wenn du dein

Innerstes

nach Außen

kehrst.