Peter Jensen

Sie verliert drei Kinder

bei der Geburt 

ist überfordert

mit ihm und neun Geschwistern

drum wächst Fritz in Heimen auf

ohne jegliches zu Haus 

Teile seiner Jugend 

verbringt er im KZ

genauso wie sein Dad

der schlägt ihn fast tot

ohne jede Not

da war Fritz kaum vier

sein Dad kippte Bier 

nach Bier

er war ein Trinker

und ein linker Kommunist

der am Alkohol starb 

und den Folgen seiner Haft

da war Fritz kaum zwölf 

es war fünf Minuten nach

Fritz will sich selbst töten

doch es bleibt beim Versuch

mit 16 reißt er aus

dem Osten aus

der DDR 

in die BRD

er wird geschlagen

durch sein tristes Leben

Fritz ist ein gezeichneter Mann

Seine Gesicht entstellt 

mit Sprachfehler, Narben

er ist keine 1,70 und dann

mit einundzwanzig 

fast ein Anfang

Fiete heiratet und zieht

nach Hamburg, das er liebt

Er bekommt einen Sohn

und am Hafen seinen Lohn

doch er lässt nicht 

vom Alkohol

und Schlägt seine Frau

betrügt sie zuhauf

sie lässt sich scheiden und dann

beinah wirklich ein Anfang

Die beiden heiraten erneut 

doch scheiden sich wieder unerfreut

Was nun geschieht 

weiß jede:r der Fatih Akin liebt

Im Hamburger Berg 

auf St. Pauli

zu später Stund 

Öffnet der Schlund seinen Abgrund

Elbschlosskeller, Hong-Kong und Handschuh

Anschließend finden seine Opfer ewige Ruh

Fast zwanzig Jahre Knast

und Psychiatrie

Fritz Honka wurde 

Peter Jensen dann

vielleicht ein Anfang 

für diesen schmächtigen Mann

er lebt noch fünf Jahre

in einem Altersheim

doch Alkohol bleibt 

Freund und Feind

mit 68 Jahren im Krankenhaus

gehen seine Lichter aus

sie waren in all den Jahren

niemals angegangen.

Sie

Wir wuchsen auf

im selben Haus

du im ersten Stock

und ich im zweiten

Wir haben uns

ewig nicht gesehen

das Leben führte dich

nach Schweden

„Das nächste Bier

geht auf mich“

sagst du erzählst

was ich in der Zeitung las

Du lebst, sie starb

durch deine eigene Hand

wolltest du sterben wie

sie war unheilbar krank

Die Badewanne lief über

die Fliesen blutrot

als sie euch fanden

war sie bereits tot

Du wolltest mit ihr gehen

bist froh, dass du noch lebst

wofür du dich zugleich schämst

wie deine Augen erzählen.

Du schriebst mir diese Nachricht

kurz vor ihrem Tod

ich antwortete nicht bis heute

trotz deiner sichtbaren Not.

„Ich denke an dich

an jene unbeschwerten Zeiten

dass wir uns verloren

werd ich nie begreifen.“

Wir schweigen

etwas zu lang

es ist wie eine Umarmung

und ein Neuanfang

Als ich in mein Handy tippe

und es zu dir hinüber schiebe:

„Ich liebe, dass du bist.

Dachte ich und schrieb es nicht.“

Kühltruhe

Er sieht gut aus

und ist charmant

intelligent und

redegewandt

bei Frauen beliebt

mit einem Abschluss

in Jura und einem

in Psychologie

zeitweise verdient er

sein Geld bei einer Hotline

zur Prävention von Suizid

er ist politisch aktiv

Sie sind jung und attraktiv

tragen ihre Haare lang

und in der Mitte gescheitelt

dann verschwinden sie

alles flehen lässt ihn kalt

er würgt seine Opfer

bis zur Bewusstlosigkeit

dann vergewaltigt er sie

werden erdrosselt oder erschlagen

er fährt ihre Leichenteile

in seinem Wagen

quer durchs Land

hält dabei ihre abgetrennte Hand

der Beifahrersitz ist ausgebaut

sein weißer VW Käfer

wirkt lässig vertraut

Weit vom Tatort entfernt

legt er sie dann ab

manchmal kommt er zurück

und befriedigt sich am Grab.

Nun fährt er wieder nach Haus

grüßt die gescheitelte Nachbarin

stellt ihre Mülltonne raus

im TV sagen sie wird vermisst

Und für einen Augenblick

wirkt er gar glücklich

als er die Nachrichten sieht

Denn sie suchen ihn

werden sie nicht finden

er zog vor langem um

wessen Hand wird als Nächste

in seiner Kühltruhe verschwinden?

Mit dir

Mit dir

kann ich schweigen

kann ich streiten

kann ich Menschen

besser begreifen

wie du mit mir.

Mit dir

kann ich weinen

kann ich lachen

kann ich unmögliches

möglich machen

und du mit mir.

Mit dir

kann ich ruhen

kann ich rennen

kann ich Wolken

nach Tieren benennen

wie du mit mir.

———

Mit dir

darf ich Dinge

die durfte ich nie

weinen zum Beispiel.

Mit dir

kann ich Dinge

die konnte ich nie

tanzen zum Beispiel.

Mit dir

will ich Dinge

die wollte ich nie

alt werden zum Beispiel.

——-

Mit dir drang ich vor

in unbekannte Sphären

strahlend ergriff ich

Stern nach Stern

ohne zu merken

wie wir uns langsam

weiter und weiter

voneinander entfern‘

der Mond und ich

hätten dir gereicht

hast du mir später gesagt

ach, hätte ich dich doch

damals schon gefragt.

Jungfernstieg

Du setzt dich auf die Stufen

am Jungfernstieg

direkt neben mich

vielleicht etwas

zu offensichtlich

Du schaust auf die Alster

denkst aber

bestimmt an etwas anderes

vielleicht an mich

so wie ich an dich

Du nimmst einen Zug

aus deiner Zigarette

erwiderst dann

meinen vielleicht etwas

zu offensichtlichen Blick

Ich lehne schweigend ab

obwohl ich tatsächlich will

nur was eigentlich

und genieße weiter still

den Rauch deiner Zigarette

dann gehst du

nach einem letzten Lächeln

und nimmst

meine Gedanken mit

an eine gemeinsame Zukunft.

Einzigartig

waren wir nur im wir

gab es kaum Raum

für dich und mich

du warst einzig

ich war artig

wir brachen entzwei

tausende Teile

trafen uns wieder

nach langer Reise

einzigartigerweise

setzten uns zusammen

jeder für sich

möglicherweise gar

ein wenig weiser

sind wir wieder im wir

gibt es nun Raum

für mich und dich

ich bin auch einzig

du auch artig.

Einzigartig.

Ob sie noch leben

Sie sagten ihr, sie würden folgen

doch das wollten sie nie

Kyiv war und ist ihr Leben

daher blieben und bleiben sie

ahnte es und flog dennoch

Mitte Februar nach Hamburg

ein Leben in einem Koffer

ihre Worte in ihrem Kopf

„weil wir dich lieben

und du uns

musst du gehen

und dass jetzt

wir werden folgen

und zwar bald

wirst du verstehen

jung und alt.“

Jede Nacht liegt sie wach

seit der Angriffskrieg begann

schaut sie alle paar Sekunden

auf dem Handy nach

Lebenszeichen ihrer Eltern

waren online wann zuletzt

weiß sie dann doch nie

was sie ohnmächtig zurücklässt

ob sie noch leben sie?

Schauinsland

Heute mach ich blau

wie ferris und klau

Ideen und Zeit

die niemanden gehört

hau Graffiti ungestört

an edelweiße Wände

die Schablonen lieh mir Banksy

ich will sexy

wie Hank Moody sein

tret den Scheinwerfer ein

eines Porsche Cabriolets

das am Straßenrand steht

dreh auf die Anlage

eine sonnige Nacht

verspricht die Spritztour

durch die Nachbarschaft

mit 25 km/h quer durchs Land

bis auf den schauinsland

und dann weiter wie Thees

mit dem Mofa nach England

in London bare knuckle

mit Brad Pitt, ich geh k.o.

nice guys finish last

ist halt so

Das Mofa verkauf ich in Notting Hill

nehm zurück den Flieger

neben mir sitzt Hugh Grant

Julia Roberts wär mir lieber

Morgen mach ich wieder blau

wie Ferris und Klau

mir ein Leben

das mir bald gehört.

Von einer gelben Jacke

Es treibt bei Regen

und starkem Wind

ein roter Ball im Meer

auf den Wellen hin und her

unter der Seebrücke

taucht der Ball auf und ab

und zu prallt er

an das Geländer

ein Mann steht in gelber Jacke

auf den schwarzen Steinen

die ragen vom Land ins Meer

im peitschenden Wind

brechen die Wellen

schäumt die Gischt

er sah sie als Leuchtturm

das war sie nicht

der Ball taucht weiter

in den Wellen auf und ab

und zu prallt er

an das Geländer

von dort springt ein Junge

todesmutig hinein

in das tosende Meer

es muss sein Ball sein

denkt er

an sie

dort liegt

eine gelbe Jacke.

Eines Nachts

Die Sonne ging unter

du gingst mit ihr

obwohl ich nicht verstand

warum folgte ich dir.

Wir diskutierten auf dem Weg

über meine Verantwortung und deine

über die der Politik

über Wasserwerfer und Steine.

Du warst dir sicher

dass die Welt noch zu retten ist

ich war mir sicher

dass ist sie nicht.

Vor deinem Haus

stritten wir noch lange

du küsstest mich zum Abschied

versöhnlich auf die Wange

und drücktest mich so fest

hättest mich beinahe zerquetscht

ich wusste nicht, wie mir geschah

du warst mir näher als nur nah

dann sah ich ihn am Fenster stehen

drückte mich los, raunte „Auf Wiedersehen“

hinter der Hecke blieb ich stehen

hörte den Schlüssel im Schloss drehen.

Ich wollte nicht und schrieb dir doch

von blauen Flecken und einer Erde

die auch ohne Menschen

gut zurecht kommen würde.

Du schriebst mir

das mit den Flecken wärst du nicht gewesen

und auf der Erde

werden immer Menschen leben.

Die Sonne ging auf

als ich nach Hause kam

waren meine Füße kalt

war mein Herz warm.

Smucke Steed

Vom Hügel aus der weiche Blick in Richtung Förde

gerahmt von Sonnenstrahlen und alten Bäumen

Gras hochgewachsen in den Zwischenräumen

säumen verwunschen Hortensien den Weg

reich an Geschichte steht

zurückhaltend hier die alte Schule

heute ein Hotel

lichtdurchflutet und hell

erhöht

in klarer Ruhe

hält inne des Lebens Hast

fällt ab des Alltags Last

unweit von Wasser und Strand

rauscht der Wind durch Blätter und Zeit

raunt, wie in lang geträumten Träumen

„Tue nichts. Es gibt nichts zu versäumen.“

krächzen hin und wieder leise die Möwen

es ist, als wäre es hier anders niemals je gewesen.

Von einem Kurzurlaub

Sie machte Urlaub in Berlin

für eine Woche nur

und traf unmittelbar

bei ihrer Ankunft

einen Mann

der obdachlos war.

Die beiden kamen ins Gespräch

tauschten sich aus

sie brachte ihm Essen

tagein

tagaus.

Wie ehrlich er war.

Sie einte der Mut.

Wie ehrlich sie war.

Sie einte die Wut.

Nach ihrer Abreise

hielten sie Kontakt

per Telefon

es ging ihr schlecht

das ahnte er schon.

Zwei Jahre später

verstarb sie an Krebs

in einem Hamburger Krankenhaus.

Er hatte zuvor für Stunden

ihre Hand gehalten

und wollte nur

kurz Blumen

holen.

Er war den Tag zuvor

aus Berlin angereist.

Die Entscheidung

Eben noch saß sie auf der Bank

schaute auf das flache Land

und nahm sich Zeit

auf ihrem Weg zur Arbeit

dachte sie nach weswegen

wofür und wie will sie leben

so nicht, das war ihr nun klar

es ist unehrlich und unwahr

sie stand auf und rief ihn an

lief auf und ab und sagte dann

„Ich möchte etwas zum Guten bewegen

in meinem, diesem einzigen Leben.“

Er verstand, während er nach Worten rang:

„Dein Leben sollst du leben

frage stets wofür, wie und weswegen

endlich wirst du wissen, wo lang.“

Sie setzte sich wieder auf die Bank

schaute auf das flache Land

sie saß dort stundenlang

ehe sie schließlich gang.

Hin und zurück oder im Kreis

Sie trafen sich am selben Gleis

sie fuhr gerne Bahn, er Bus

als Selbstzweck mit Genuss

hin und zurück oder im Kreis.

Sie kamen ins Gespräch

über ein Buch von Murakami

das sie jeweils beim Warten lasen

bevor sich ihre Blicke trafen.

Beide liebten es, dem Alltag zu entfliehen

liebten Landschaften, die vorüberziehen

liebten Reisegeräusche

wie Stille andere Leute.

Sie vergaßen Raum und Zeit

redeten über Vergänglichkeit

über das Suchen und Finden

über das einfach Verschwinden.

Sein Bus war längst gefahr‘n

als sie ihre Bahn nahm

doch das sagte er nicht

mit einem Lächeln im Gesicht.

Silvester an der Alster

Es ist Silvester kurz vor Mitternacht

Eisschollen treiben auf dem Wasser

in dieser klaren, bitterkalten Nacht

er sucht sich einen stillen Platz

wo er seine Ruhe hat

wo nichts passiert

wo nichts geschieht

vielleicht wirft er seine Angel aus

einen Köder nutzt er nie

während zuhaus‘ im Endreihenhaus

seine Frau allein das neue Jahr begießt

die Kinder, bereits eingeschlafen

ein Vorsatz, ein Fisch an seinem Haken.

Die Brücke

Zwischen ihnen diese Lücke

er auf der einen Seite

sie auf der anderen Seite

der hinüber führenden Brücke.

Während sie so am Ufer stehen

und zueinander hinübersehen

in Erwartung der ersten Schritte

des jeweils andern gen Brückenmitte

hat es zu regnen angefangen

auch grollt ein Donner in der Ferne

ist sie bald gegangen

von der Kälte in die Wärme.

Er steht nun allein auf ihrer Seite

durchnässt bis auf die Haut

niemand mehr auf seiner Seite

es wirkt seltsam vertraut.

Von einem Mann

Unter der Woche fährt er

mit der U-Bahn in die Stadt

manchmal schläft er ein

manchmal bleibt er wach.

Er wurde hier geboren

und er wird hier sterben

hier wuchs er heran

von einem Kind zum Mann.

Am Wochenende schaut er

aus seinem Fenster raus

er kennt hier jeden Stein

hier ist sein Zuhaus‘.

Alle kennen ihn

zumindest sein Gesicht

manche gar seinen Namen

die meisten aber nicht.

Allen, die vorbeigehen

wünscht er ‘nen guten Morgen

er weiß von ihren Träumen

er weiß von ihren Sorgen.

Nur von seinen eig‘nen

wusste er noch nie

will er auch nicht wissen

darum fragt er sie.