Sushi

Prolog

Der Morgen beginnt um 4:45h mit einem halben Gedicht.

„Bevor ich aufwach

träum ich mich

zurück zu wir.“

I.

Dieses Lied in meinem Kopf. Ich kenne es. Und kenne es nicht. Ich tanzte dazu. Vorgestern. Allein. Mit all den anderen. Und geschlossenen Augen. Und in die Höhe gestreckten Armen. Ob sie tatsächlich so wunder-, wunderschön ist? Interessiert mich nicht. Eigentlich. Und frage es mich doch.

II.

Dieses Lied in meiner Küche. So laut es geht. Ich schwitze. Allein im Takt der Bassline. Ob es Lina tatsächlich gibt? Interessiert mich nicht. Eigentlich. Und frage es mich doch. Meine Kaffee in der Hand als Bierersatz. Verschüttet auf dem Küchenboden.

III.

Dieses Lied auf meinen Ohren. Dieses Lied. Wieder und wieder. Ich stehe vor dem Spiegel. Gefalle mir. Obwohl ich anzog, was rumlag. Weil ich anzog, was rumlag. Ungeduscht. Und los. Ja, das bin ich. Auch. Eines Tages werd ich alt sein.

Epilog

Der Morgen endet um 9:49h. Ich sitze im Bus. Und es gibt „Sushi“. Auf die Ohren. Ich schreibe.

„Bevor ich aussteig

träum ich mich

nach vorn zu dir.“

Alles, was wir niemals waren

Ich werde mich setzen

ins Gras am Flussufer

zum Fuße jener alten Trauerbuche

und lehnend am Stamm

Werde ich zuhören dem Wind

deinen Gedanken und dir

mein Kopf wird sinken

langsam hinein in deinen Schoß

alles, was wir niemals waren

du wirst beginnen mit deinen Fingern

durch meine langen Haare

zu fahren und zu deiner immer

leiser werdenden Stimme

werde ich einschlafen

und nicht mehr aufwachen

während ein weiteres Blatt

fällt zu deinen nackten Füßen

Mit dir

Mit dir

kann ich schweigen

kann ich streiten

kann ich Menschen

besser begreifen

wie du mit mir.

Mit dir

kann ich weinen

kann ich lachen

kann ich unmögliches

möglich machen

und du mit mir.

Mit dir

kann ich ruhen

kann ich rennen

kann ich Wolken

nach Tieren benennen

wie du mit mir.

———

Mit dir

darf ich Dinge

die durfte ich nie

weinen zum Beispiel.

Mit dir

kann ich Dinge

die konnte ich nie

tanzen zum Beispiel.

Mit dir

will ich Dinge

die wollte ich nie

alt werden zum Beispiel.

——-

Mit dir drang ich vor

in unbekannte Sphären

strahlend ergriff ich

Stern nach Stern

ohne zu merken

wie wir uns langsam

weiter und weiter

voneinander entfern‘

der Mond und ich

hätten dir gereicht

hast du mir später gesagt

ach, hätte ich dich doch

damals schon gefragt.

Einzigartig

waren wir nur im wir

gab es kaum Raum

für dich und mich

du warst einzig

ich war artig

wir brachen entzwei

tausende Teile

trafen uns wieder

nach langer Reise

einzigartigerweise

setzten uns zusammen

jeder für sich

möglicherweise gar

ein wenig weiser

sind wir wieder im wir

gibt es nun Raum

für mich und dich

ich bin auch einzig

du auch artig.

Einzigartig.

Valentinstag

Wie jeden Morgen

bring ich dir morgen

Kaffee ans Bett

dazu gibts nen Kuss

auf die Stirn, Blumen

und ein Liebesgedicht

aber nicht

weil Valentinstag ist

sondern, weil du

meine Liebe bist

Sonnabend ich

die Blumen auf dem Markt

vergaß

mit einem Gedicht

jede Woche besser

beginnt

und ich dich liebe

wie jeden Tag.

Ich liebe sie

die

bei denen

alles kann

nichts muss

ich liebe sie

die schweigen können

bei denen ich nicht

schweigen muss

ich schweigen kann

mit denen ich zusamm

schweigen kann

ich liebe sie

die reden können

bei denen ich nicht

reden muss

die nicht

reden müssen

bei denen ich

reden kann

ich liebe sie

die zuhören können

bei denen ich nicht

zuhören muss

ich zuhören kann

mit denen ich zusamm

zuhören kann

Ich liebe sie

die

bei denen

alles kann

nichts muss

ich liebe sie.

Mit drei Geschlechtern

kannst du dich identifizieren

oder vielleicht auch nicht

du bist du so wie du eben bist

Nichtbinär ist nicht verkehrt

vielmehr ist es das Cistem

es leben die Geschlechtsidentitäten

außerhalb des binären Systems

trans-

-gender-

-fluid

ist nicht ich

verschiebt sich

bi-

-gender

tri-

-gender

wechselt

zwischen zwei

wechselt

zwischen drei

a-

-gender-

-queer

ungeschlechtlich

weder noch

Nichtbinär meets genderqueer

es sterbe das Cistem

es leben die Geschlechtsidentitäten

außerhalb des binären Systems

egal, mit welchem Geschlecht

du dich auf welche Weise identifizierst

männlich, weiblich, divers oder auch nicht

liebe, wen du willst und vor allem liebe dich

Ein Tagebuch

Ich schreibe dir ein Tagebuch

jeden Tag ein Satz

was ich an dir lieb

weil ich‘s zu selten sag.

Heute schrieb ich lieb dein Lächeln

wie es spöttisch tanzt um deinen Mund

wenn du mich lieblich belächelst

ob meiner trotzgen Unvernunft

gestern schrieb ich lieb dein Leberfleck

links hinten an deiner Hüfte

den ich am Abend vor dem Schlafengehen

so zärtlich wie möglich küsste

vorgestern schrieb ich lieb dein Talent

wie du organisierst und lenkst

deinen Blick dafür, was zu tun ist

wenn du das Denken vergisst

Was ich morgen schreiben werde

weiß ich noch nicht

vielleicht einfach, dass ich lieb

wie groß du bist

oder doch, dass du trotz allem

immer zu mir hältst

wie du schwingst, wenn du tanzt

dabei deinen Atem anhältst.

Reise in die Vergangenheit

Ich war hier

zuletzt vor sieben Jahren

damals blühten

jetzt fallen die Kastanien.

Ich fühle die Bewegung

fühle auch die Angst

und trotzdem wage ich

diesen nächsten Tanz.

Das Schloss im Blick

und auch das Amtsgericht

vom Spielplatz her tönt Kinderlärm

wer sie und wir wohl heute wären

wenn du damals

nicht zu mir gehalten hättest

wenn du damals

mit ihm gegangen wärest.

Auf dem Hügel

Jeden Sonnabend kauft er

Äpfel auf dem Markt

schenkt sie ihm ein Lächeln

fragt, wie seine Woche war.

Er würde gern berichten

was ihn die Woche bewegte

wie er auf seinem Arbeitswege

in Gedanken Blumen für sie pflückte.

Doch er murmelt nur „Gut.“

schaut verlegen nach unten

reicht ihr das Geld und mutig

einen Zettel, auf dem steht:

„In Gedanken pflück ich jeden Tag Blumen für dich.“

Und darunter seine Nummer.

Während er noch vor ihr steht

antwortet sie sichtlich bewegt:

„Wir sehen uns morgen um 11 Uhr

auf dem Hügel im Eppendorfer Park

ich bringe dir Blumen mit

und du mir einen Wochenbericht.“

Eines Morgens

Es regnet nicht und doch fällt Regen

der in der Nacht auf Blätter fiel

in gelegentlichen Tropfen

gleich einem unsteten Klopfen

und weht der Wind, fällt Regen

der in der Nacht auf Blätter fiel

in einem heftigen Guss

gleich einem wilden Kuss

und inne hält der Wind

still und ruhig die Blätter

auf die in der Nacht Regen fiel

in einem heftigen Unwetter

fällt neuer Regen nun auf Blätter

auf die in der Nacht Regen fiel

leicht biegen sich die Blätter

ich denke wieder viel zu viel

wie ich klopfte an deiner Tür

an unseren ersten Kuss

wie du mich sahst mit ihr

an unseren letzten Kuss.

Eines Nachts

Die Sonne ging unter

du gingst mit ihr

obwohl ich nicht verstand

warum folgte ich dir.

Wir diskutierten auf dem Weg

über meine Verantwortung und deine

über die der Politik

über Wasserwerfer und Steine.

Du warst dir sicher

dass die Welt noch zu retten ist

ich war mir sicher

dass ist sie nicht.

Vor deinem Haus

stritten wir noch lange

du küsstest mich zum Abschied

versöhnlich auf die Wange

und drücktest mich so fest

hättest mich beinahe zerquetscht

ich wusste nicht, wie mir geschah

du warst mir näher als nur nah

dann sah ich ihn am Fenster stehen

drückte mich los, raunte „Auf Wiedersehen“

hinter der Hecke blieb ich stehen

hörte den Schlüssel im Schloss drehen.

Ich wollte nicht und schrieb dir doch

von blauen Flecken und einer Erde

die auch ohne Menschen

gut zurecht kommen würde.

Du schriebst mir

das mit den Flecken wärst du nicht gewesen

und auf der Erde

werden immer Menschen leben.

Die Sonne ging auf

als ich nach Hause kam

waren meine Füße kalt

war mein Herz warm.

Wie ein Stern am Himmel.

Der Tod hängt über allem

hängt der Tod

über mir und über dir

hängt über allen

hängt der Tod

kommt mal leise angeschlichen

nach Jahren im tiefen Schlaf

und einem letzten Händedruck

den du ihr voll Liebe gabst

kommt mal plötzlich in dem Wissen

dass er viel zu früh ihn traf

beim Wandern ein Steinschlag

unerklärlich Jahr um Jahr.

Der Tod hängt über allen

hängt der Tod

über mir und über dir

hängt über allem

hängt der Tod.

Wie ein Stern am Himmel.

Mit Eicheln und mit Stöckern

Die Minigolfbahn geschlossen

wie das Hotel nebenan

ist nichts offen

sind nur deine Arme

empfangen mich

du trägst ein Strahlen im Gesicht

kletterst übern Zaun

wie in alten Zeiten

trau ich mich kaum

du redest mir Mut zu

von der andern Seite

überzeugst du mich im Nu

folg ich dir übern Zaun

du wartest bei den Löchern

mit Eicheln und mit Stöckern

spielen ich und du

schließlich in Seelenruh

sitzen nun auf unsrer Bank

du nimmst meine Hand

und schaust mir in die Augen

ich würd dir alles glauben.

Hin und zurück oder im Kreis

Sie trafen sich am selben Gleis

sie fuhr gerne Bahn, er Bus

als Selbstzweck mit Genuss

hin und zurück oder im Kreis.

Sie kamen ins Gespräch

über ein Buch von Murakami

das sie jeweils beim Warten lasen

bevor sich ihre Blicke trafen.

Beide liebten es, dem Alltag zu entfliehen

liebten Landschaften, die vorüberziehen

liebten Reisegeräusche

wie Stille andere Leute.

Sie vergaßen Raum und Zeit

redeten über Vergänglichkeit

über das Suchen und Finden

über das einfach Verschwinden.

Sein Bus war längst gefahr‘n

als sie ihre Bahn nahm

doch das sagte er nicht

mit einem Lächeln im Gesicht.

Zu zweit an einem Ort

Es war einmal ein Mensch

der tat recht wenig

ruhte aus

wenn möglich

redete er kaum, hörte viel zu

er war phlegmatisch womöglich.

Es war einmal ein Mensch

der tat immerzu

kannte keine Ruh

redete mit Genuss

in einem Fluss

er war wohl lebhaft bis zum Überdruss.

Es war einmal ein Mensch

der tat mal hier, ruhte mal dort

redete

dann und wann

hörte er zu in aller Ruh

er war zu zweit an einem Ort.

Der längste Tag des Jahres

Der kürzeste Tag des Jahres

ist nun vorbei

die Tage werden länger

ich denke an uns zwei.

Wie wir, es war

vor etwa einem halben Jahr

am längsten Tag des Jahres

draußen saßen

bis die Sonne unterging.

Wie wir

die laue Nacht genossen

draußen lagen

bis der neue Tag anfing.

Wie wir

im Bewusstsein der Vergänglichkeit

uns aneinander schmiegten.

Wie wir uns

bei Sonnenaufgang

liebten.

Eine Trennung

Im Taxi auf der Rückbank

weint er hemmungslos

der Taxifahrer sagt nichts

und fährt rücksichtslos

über rote Ampeln

setzt den Blinker nicht

fährt viel zu schnell

trotz schlechter Sicht

er sollte was sagen

er sagt nichts

wie kann er es nicht wagen

weint bloß bitterlich

Sie ist wirklich gegangen

oder ging doch er

es hat sich angedeutet

und fällt trotzdem schwer.

Das Taxi ist schon da und hält

die Fahrt unangenehm wie nie

trotzdem gibt er Trinkgeld

er denkt nur an sie.

Sie hat es nicht ausgesprochen

er hat es gespürt

das Unschuldige zerbrochen

sie war nicht mehr berührt.

Die Brücke

Zwischen ihnen diese Lücke

er auf der einen Seite

sie auf der anderen Seite

der hinüber führenden Brücke.

Während sie so am Ufer stehen

und zueinander hinübersehen

in Erwartung der ersten Schritte

des jeweils andern gen Brückenmitte

hat es zu regnen angefangen

auch grollt ein Donner in der Ferne

ist sie bald gegangen

von der Kälte in die Wärme.

Er steht nun allein auf ihrer Seite

durchnässt bis auf die Haut

niemand mehr auf seiner Seite

es wirkt seltsam vertraut.

Die lachende Möwe

Am Elbstrand sitze ich

eine Möwe zieht krächzend Kreise

Container krachen leise

der Wind rauscht laut

Wellen laufen aus

Schiffe schwer beladen

her tragen mich Gedanken

Bilder aus vergangenen Tagen

wie ich stand am Strand

im knöcheltiefen Schnee

getragen von Fernweh

von einer neuen Liebe

zwischen den Gewalten

gehalten von Heimweh

von einer alten Liebe

fallende Container poltern

Schiffe laufen leise aus

Wellen rauschen laut

im drehenden Wind

tragen Gedanken

mich nach Haus

was war und was ist

die Möwe lacht

mir zum Abschied

ins Gesicht.