Das Bild der zwei Brücken

Ich steh‘ unter zwei Brücken

die eine führt gen Norden

die andere gen Süden

über mir zwei Brücken.

Auf Schienen fahren die Bahnen

immer denselben Weg

die Schienen sind der Rahmen

für immer denselben Weg.

Die Menschen malen das Bild aus

mit stetig verschiedenen Farben

sie steigen ein und steigen aus

verändern mild die Farben

des immer selben Wegs

mancher sitzt und mancher steht

doch jeder geht auf seinem Weg

zumindest ein paar Schritte

mancher sucht nach seiner Mitte

mancher fand sie schon vor Jahren

mancher band sich, zu bewahren

mancher sieht die ersten Risse.

Meine Wahrheit brodelt verborgen

zusammen mit meinen Lügen

gestern wie heute wie morgen

wie kann ich mir genügen?

Mit Freude oder halb Leid

Ich schaue mit der mir möglichen Ruh

dem Treiben auf der Außenalster zu

Vögel und Ruderer ziehen vorbei

allerlei Worte taumeln

durch den Kopf baumeln

im Takt der Wellen auf und ab

wie Beine überm Wasser

Fässer von Gedanken

wer vor mir hier saß und wie lange

war ihr Mut, ihm bange

worüber dachte sie nach

lachte er laut seltsam vertraut

allein oder zu zweit

mit Freude oder halb Leid

war es noch Nacht oder schon Tag

wart sie seinen Möglichkeiten gewahr

auch wer nach mir hier sitzt

ob sie ihren Namen in die Bank ritzt

sieht er den Herbst funkeln seine Augen

wohin führt sie ihr unerschütterlicher Glauben

hört er das Wasser ruhig an die Wände schlagen

hat sie jemals jemand auf Händen getragen

Über meine Vorstellungskraft

Ich glaube nicht

dass es dich gibt als etwas

was in meiner Vorstellungskraft liegt

vielleicht sind alle Menschen eins

teilen eine Seele und einen Geist

vielleicht ist mein Leben keins

und ich bin eine Phantasie

die du mir gnädig liehst

vielleicht kann ich allein bestimmen

über meine Wege, was geschieht

vielleicht konnte ich das nie

oder nur in deinen Bahnen.

Die (un)sichtbare Mauer

Es ist, als ob auf meinem Weg

eine unsichtbare Mauer steht

nicht zu übersteigen und nicht zu umgehen

ich entscheide mich, umzudrehen.

Bald findet mich erneut der Weg

auf dem die unsichtbare Mauer steht

ich fluch‘ und schimpf‘ auf mein Unglück

laut und lauter hallt es zurück.

Ich setz‘ mich hin und nehm‘ mir Zeit

frag‘ nach dem Sinn, bin ich bereit

warum die unsichtbare Mauer hier wohl steht

mitten auf meinem Weg.

Ich finde eine Antwort

eine Antwort gibt es nicht

ich trage mein Päckchen

ich trage es nicht.

Nun taucht die Mauer am Horizonte auf

ich kann sie wirklich sehen

und meinen Weg weiter gehen

nehme Anlauf.

Ich springe über die Mauer drüber

während ich laut singe.

Mein Kern

Zu meinem Kern ist es noch weit,

er ist verletzlich, zart und weich,

ich spür‘, ich bin ihm nah,

wenn ich vor einer Pusteblume steh‘,

die sich im Winde neigt und hebt,

bei dir ich bleib‘, dich ich nicht brech‘,

weil es mich schmerzt, dir ich versprech‘,

ich lass‘ dich stehen, wie du bist,

ich lass‘ dich gehen, wie du bist,

im Winde lass‘ ich dich verwehen.

Du bist nicht deine Gedanken

Wenn du in Gedanken bist,

wo bist du dann?

Nicht hier bei mir,

mahnt sie ab und an,

wenn du in Gedanken bist.

Fragst du dich, warum du fliehst?

warum deine Gedanken dich

von hier wegzieh‘n?

Wenn nicht, frage ich.

Weil es nunmal so ist,

weil es ist, wie es ist.

Ja, es ist, wie es ist, erwidert sie,

aber deine Gedanken sind nicht,

du bist und nur

hier bei mir,

wenn du nicht in Gedanken bist.