Die Entscheidung

Eben noch saß sie auf der Bank

schaute auf das flache Land

und nahm sich Zeit

auf ihrem Weg zur Arbeit

dachte sie nach weswegen

wofür und wie will sie leben

so nicht, das war ihr nun klar

es ist unehrlich und unwahr

sie stand auf und rief ihn an

lief auf und ab und sagte dann

„Ich möchte etwas zum Guten bewegen

in meinem, diesem einzigen Leben.“

Er verstand, während er nach Worten rang:

„Dein Leben sollst du leben

frage stets wofür, wie und weswegen

endlich wirst du wissen, wo lang.“

Sie setzte sich wieder auf die Bank

schaute auf das flache Land

sie saß dort stundenlang

ehe sie schließlich gang.

zum einkauf der dinge

ruhig, still und leise

wie an nem feiertag

aber auf ne gespenstische weise

an jedem wochentag

bleiben wir wenn möglich

allein drinnen zu haus

gehn nur raus, wenn nötig

setzen uns masken auf

zum einkauf der dinge

des täglichen gebrauchs

wie ich immer wieder ringe

mit den dingen und ihrem lauf

warum es ist, wie es ist

es sollte anders sein

nein, es ist, wie es ist

es kann nicht anders sein.

fünf minuten

fünf minuten hab ich

für dieses gedicht

jetzt nicht mehr

sind nun nur noch vier

denk zu viel

schreib zu wenig

bräuchte wohl ein bier

ein alkoholfreies natürlich

drogen sind für mich nicht mehr

außer kaffee versteht sich

und auch mal ein wenig teer

naja, und ab und an

gönn ich mir nen schnaps

wers glaubt, der hats

aber nun, ich schweife ab

jetzt sind es nur noch drei

in wirklichkeit gar nur noch zwei

jetzt denk ich nochmal richtig nach

für ein würdiges ende

ende.

tschüss

hab dich viel zu lang

nicht mehr gesehn

wie konnte das geschehn

lag es an mir

lag es an dir

wollte es verstehn

schrieb dir

wann wir uns wiedersehn

du schriebst nicht

und dann irgendwann

mit vielen worten

dass du nicht kannst

ich verstand

es fehlte nie die zeit

du bist schlicht nicht bereit

würd gern sagen, ist halt so

dass es mich sehr trifft

ohne jegliches wieso.

Hin und zurück oder im Kreis

Sie trafen sich am selben Gleis

sie fuhr gerne Bahn, er Bus

als Selbstzweck mit Genuss

hin und zurück oder im Kreis.

Sie kamen ins Gespräch

über ein Buch von Murakami

das sie jeweils beim Warten lasen

bevor sich ihre Blicke trafen.

Beide liebten es, dem Alltag zu entfliehen

liebten Landschaften, die vorüberziehen

liebten Reisegeräusche

wie Stille andere Leute.

Sie vergaßen Raum und Zeit

redeten über Vergänglichkeit

über das Suchen und Finden

über das einfach Verschwinden.

Sein Bus war längst gefahr‘n

als sie ihre Bahn nahm

doch das sagte er nicht

mit einem Lächeln im Gesicht.

Zu zweit an einem Ort

Es war einmal ein Mensch

der tat recht wenig

ruhte aus

wenn möglich

redete er kaum, hörte viel zu

er war phlegmatisch womöglich.

Es war einmal ein Mensch

der tat immerzu

kannte keine Ruh

redete mit Genuss

in einem Fluss

er war wohl lebhaft bis zum Überdruss.

Es war einmal ein Mensch

der tat mal hier, ruhte mal dort

redete

dann und wann

hörte er zu in aller Ruh

er war zu zweit an einem Ort.

Das Bild der zwei Brücken

Ich steh‘ unter zwei Brücken

die eine führt gen Norden

die andere gen Süden

über mir zwei Brücken.

Auf Schienen fahren die Bahnen

immer denselben Weg

die Schienen sind der Rahmen

für immer denselben Weg.

Die Menschen malen das Bild aus

mit stetig verschiedenen Farben

sie steigen ein und steigen aus

verändern mild die Farben

des immer selben Wegs

mancher sitzt und mancher steht

doch jeder geht auf seinem Weg

zumindest ein paar Schritte

mancher sucht nach seiner Mitte

mancher fand sie schon vor Jahren

mancher band sich, zu bewahren

mancher sieht die ersten Risse.

Meine Wahrheit brodelt verborgen

zusammen mit meinen Lügen

gestern wie heute wie morgen

wie kann ich mir genügen?

Die wartenden Möwen

Sie sitzen dort und warten

hinter ihnen der Hafen

sie sitzen dort und warten

so ruhig, als ob sie schlafen.

Sie sitzen dort bei Sturm

sie sitzen dort bei Regen

sie sitzen dort als würd‘ es

nichts and’res für sie geben.

Sie sitzen dort und warten

selbst in der tiefen Nacht

hinter ihnen der Hafen

der ruhig über sie wacht.

Ein Blick für einen flüchtigen Augenblick

Sie sehen sich jeden Wochentag

für nicht länger als eine Sekunde

immer morgens zur selben vollen Stunde

fährt sie mit der U-Bahn rein in die Stadt

und er mit der U-Bahn raus aus der Stadt.

Wenn die Bahnen aneinander vorbeifahren

trifft sich ihr Blick für einen flüchtigen Augenblick

ihr war gar, als hätte er ihr zugenickt

ehe er sich im eigenen Spiegelbild verliert

als wäre nichts passiert.

Ein und aus

Ein Morgen im November sacht erwacht

Tau auf dem Brückengeländer

nach einer langen Nacht

über dem Wasser

schlief der Nebel

bis eben

tief

scheint das Sonnenlicht

bricht im sanften Wellenschlag

Kräuselungen und Spiegelungen

an dem noch jungen Tag

starten Gänse schnatternd

ich lebe, was ich hab‘

vor mir mein

eig‘ner Atem

ein und

aus.

Von einem Mann

Unter der Woche fährt er

mit der U-Bahn in die Stadt

manchmal schläft er ein

manchmal bleibt er wach.

Er wurde hier geboren

und er wird hier sterben

hier wuchs er heran

von einem Kind zum Mann.

Am Wochenende schaut er

aus seinem Fenster raus

er kennt hier jeden Stein

hier ist sein Zuhaus‘.

Alle kennen ihn

zumindest sein Gesicht

manche gar seinen Namen

die meisten aber nicht.

Allen, die vorbeigehen

wünscht er ‘nen guten Morgen

er weiß von ihren Träumen

er weiß von ihren Sorgen.

Nur von seinen eig‘nen

wusste er noch nie

will er auch nicht wissen

darum fragt er sie.

Ein tanzender Tag

Der Tag fühlt sich an

wie ein improvisierter Tanz

schwere Aufgaben fallen leicht

vom Kopf in die Füße klingen

seicht schwingende Liebesgrüße

des Herzens zum Bauch unverbraucht

kreuz und quer schüttelnd

an den Naturgesetzen rüttelnd

Beine schlagen Haken

die Arme tragen einen Flik Flak

die Hüften bebend

im Takt schwebend

der Bauch singt

mit weit geöffneten Mund

ein Lied erklingt

laufend

springend

über den Bürgersteig

hallt es weit und breit

inmitten der Leute

alles kann gelingen

nichts misslingen

heute.

Der Blumenstrauß

Die Menschen kommen nach Haus

von der Arbeit nach dem Einkauf

was der Abend bringen mag

ob jemand auf sie wartet

nach diesem langen Tag

trägt die junge Frau

gelbe Blumen heim

er läuft in sie hinein

auf dem breiten Bürgersteig

sein Blick gerichtet nach oben

diese wunderbare Färbung

seine blauen Blumen

verteilt auf dem Boden

ihre gelben ebenfalls

gleichwohl lacht sie laut auf

und formt strahlend

einen leuchtend

blau-gelben

Strauß.

Die hinabstürzenden Tauben

Wie ein breiter Bach jener flache Fluss

hinüber führt diese alte Brücke

auf ihr stehen schiefe Häuser

schließen ohne jede Lücke

von dem höchsten Dach

stürzt eine erste Taube steil hinab

fängt fein sich auf

fängt fein sich ab

stürmt erneut hin

aufs höchste Dach

gurrt und schaut hin

ab mit Genuss in

Richtung Fluss

fängt fein sich auf

fängt fein sich ab

nun tut eine zweite Taube es gleich

derweil kühl ich meine Füße seicht

watend im flachen Fluss

und schaue mit Bedacht

hoch zum höchsten Dach

zu den hinabstürzenden Tauben.

Über allen, der Himmel, weich

Ein Sommerabend zwischen neun und zehn

aus offenen Fenstern weh‘n

Fernsehgeräusche

mahnende Worte

und Zigarettenrauch

vom Balkon gegenüber

schaut ein Mann

zu mir herüber,

Blicke treffen sich,

ich hab ihn lang nicht mehr geseh‘n,

und wenden sich ab

zu zwei Vögeln, die fliegen davon,

begleitet vom Gesang ihrer Artgenossen,

im Hintergrund Motorengeräusche,

das Rauschen der Straße,

die Geräusche einer Feile,

über allen, der Himmel, weich.

Amsel und Spatz

Eine Amsel singt auf dem Dach,

ein Spatz hüpft hierzu im Takt

von Ast zu Ast der

gegenüberliegenden Lärche,

seine leichte Last biegt deren

Äste seicht gen Erde,

wie stark diese dennoch

zurück gen Himmel federn

überrascht

ebenso, dass fast synchron

Amsel und Spatz

kurze Zeit später

ihren jeweiligen Platz aufgeben

und fort fliegen, gemeinsam

nur ich bleibe

allein, nicht einsam,

zwischen Dach und Lärche

an meinem Ort,

jenem vertrauten Balkon,

der einem Aste gleich

vom Stamm entzweiend

in die Lüfte reicht

im Frühling langsam erwacht,

im Herbst allmählich ausruht,

im Sommer gesellig lebt,

im Winter einsam steht.

Könnte ich fliegen, würde ich folgen,

nur wem, Amsel oder Spatz,

könnte ich womöglich

nicht entscheiden,

würde ich also doch bleiben?

Nein, meine Neugier würde mich treiben,

im Wechsel aufschlagend,

abschlagend und gleitend

würde ich nachreisen

so weit, so lang Amsel und Spatz

noch eng zusammen flögen,

bis sie sich trennten,

dort würde ich halten,

dort würde ich die bestehenden Strömungen

mit leichten Bewegungen ausgleichen,

dort würde ich liegend stehen, schwebend wehen,

bis ich Amsel und Spatz irgendwann

nicht mehr sehen könnte,

sie würden endgültig entschwunden sein.

Die Ruderer und die Brücke

Der Regen kam überraschend

und so warten die Ruderer

unter der Brücke in Reih und Glied,

bis das Unwetter vorüber zieht.

 

Vor ihnen der prasselnde Regen, hinter ihnen auch,

über ihnen die schützende Brücke, auf der

ein Passant genüsslich seine Zigarette raucht

und gemütlich aufs Wasser schaut.

 

Es scheint, der Regen komme ihm

nicht ungelegen, so gelassen er dort steht,

als sei nichts, wäre nichts gewesen,

während es auf ihn niederschlägt.

 

Sein Blick, der nicht sucht, findet,

wie friedvoll das Wasser sich verbindet,

das fallende mit dem fließenden,

ein Kreis läuft in den nächsten.

 

Wer wo anfängt, wer wo aufhört,

ist nicht mehr zu entdecken,

während die Ruderer sich

nach wie vor verstecken.

Die Lichter der Abenddämmerung

Unter mir die Lichter der Stadt.

 

Der geschlossenen Geschäfte, die heute

kein Ziel mehr sein werden,

vielleicht morgen, die werben

mit großen weißen leuchtenden Lettern.

 

Der fahrenden Autos, die ein Stück

der Straße erleuchten, immer ein anderes,

eine helle Leuchtspur erschaffend, die sie

auf der dunklen Fahrbahn zum Ziel geleitet.

 

Der stehenden Straßenlaternen, die ein Stück

des Weges erhellen, immer dasselbe,

wartend auf einen Passanten, der die hellen Stücke

zu einem Weg zusammenfügt bis zu seinem Ziel.

 

Der wechselnden Wohnungen, die als Ziel

scheinen, es vorübergehend auch sind,

zumindest für die heutige Nacht,

den morgigen Tag, das kommende Jahr.

 

Über mir die Lichter nach der Sonne.

 

Der zarte Himmel

leuchtet hell in blau,

am Horizont in grau,

in lila und in gelb.

 

Es ist das gestreute Restlicht der

untergegangenen Sonne, das sein Ziel

noch findet, ehe es in ein paar Minuten

restlos verschwindet.

 

Gleich ist Dunkelheit,

die Sonnenstrahlen wandern vorbei

an diesem Teil der Erde

bis ans Ende aller Zeit.

 

In mir das Licht.

 

Das leuchtet.

Nach unten

wie nach oben.

Ohne Ziel.

 

Das leuchtet.

Nach innen.

Unsichtbar.

So hell.

Graugänse in der Abenddämmerung

Graugänse landen schnatternd

Flügel schlagend

im pastellfarbenen Wasser

der Abenddämmerung,

schwimmen an gegen den Strom,

ruhen aus,

treiben dann mit dem Strom.

 

Graugänsen steigen schnatternd

Flügel schlagend auf

aus dem pastellfarbenen Wasser

der Abenddämmerung,

schweben dem Tagesende entgegen,

die Sonne ist gegangen,

der Mond noch nicht gekommen.

Im Freibad

Eine rote und eine blaue Fahne

wehen im weichen Wind.

Schwimmer drehen Bahnen,

neben mir schläft ein Kind.

 

Ich lieg im Schatten auf einer blauen Liege,

die rote Fahne hängt nun schlaff,

neben mir schwirrt eine Fliege,

ich ruhe aus, ganz ohne Hast.

 

Die blaue Fahne dreht sich um den Mast,

Das Kind erwacht mit einem Lachen,

die rote Fahne weiter schlaff

die Fliege kitzelt meinen Nacken.

 

Ich liege in der Sonne auf einer roten Liege,

die blaue Fahne hängt nun schlaff,

neben mir schwirrt eine Fliege,

ich ruhe aus, ganz ohne Hast.

 

Die rote Fahne dreht sich um den Mast,

Das wache Kind sorgt für Verzücken, 

die blaue Fahne weiter schlaff,

die Fliege kitzelt meinen Rücken.

 

Die rote Fahne und die blaue

wehen im weichen Wind,

Schwimmer drehen Bahnen,

neben mir schläft ein Kind.

Zwei Fliegen

Zwei Fliegen haben sich

in meine Küche verirrt,

sie stören mich,

sie stören nicht.

 

Das Küchenfenster

öffnete ich bereits

vor Tagen weit

sie flogen nicht hinaus.

 

Mal liebe ich diese Fliegen,

wie sie sich kaum merklich

auf meiner Haut niederlassen,

kitzelnd herumwandern, sie dann

wieder verlassen.

 

Mal hasse ich diese Fliegen,

wie sie schwirren,

ständig stören,

meine Gewohnheiten

durchqueren.

 

Immer respektiere ich

sie.

Der Baum mit Gedichten

Ein Baum mit Gedichten steht 

mitten in Hamburg und lädt 

alle Müßiggänger ein, 

zusammen müßiggängerisch zu sein.

 

Ein Gedicht mitzunehmen

oder eins zu hinterlassen,

anzuregen oder sich anregen zu lassen.

ganz nach Belieben, ganz nach Vernehmen.

 

Sie steht vor dem Baum und lächelt,

er lächelt zurück, eher aus Reflex,

halb perplex, sie steckt währenddessen 

einen Zettel ins Netz am Baum.

 

Erst jetzt versteht er

den Baum mit Gedichten.

Und greift hinein, 

auf seinem Zettel steht:

 

Lass uns zusammen eilen!

Lass uns zusammen verweilen!

Lass uns zusammen müßig gehen!

Lass uns zusammen beeilen!

Sie oder er?

Die Ampel für Fußgänger

springt von rot sofort 

auf grün, kein Orange 

liegt dazwischen.

 

Unweit der Ampel 

überquert die Frau

die vierspurige Straße

ohne zu schauen.

 

Sie steigt in den Bus,

der quer durch die Stadt

fahren wird, 

wie bald sie aussteigt?

 

Der Mann springt hinein,

kopfüber ins kalte Wasser,

eine Abkühlung 

am Ende dieses heißen Tages.

 

Er schwimmt zum Land,

schaut hinein in die

untergehende Sonne,

die Orange ist, noch nicht rot. 

 

Gleich wird er aufs Fahrrad steigen,

gleich wird er nach Hause fahren,

Wer wohl zuerst daheim sein wird,

Sie oder er?

Kreisende Gedanken

Während das Wasser

rauscht, laut

vereint in einem seichten Strahl,

regelmäßig und edel,

verschwimmen

meine Gedanken

verschmelzen

meine Zellen

verlieren sich

meine Ideen.

 

Die Kreise werden

kleiner, endlich

zu Punkten

sanft und deutlich

rund und hell,

klar wie der tiefe See

nach einem geworfenen Stein.

 

Am Ende schließt

jeder Kreis,

so weit er ursprünglich

auch reichte

immer im Hier

als funkelnder Punkt

mit glitzernden Ausrufezeichen!