Vom Warten auf Godot

An roten Ampeln

stehe ich besonders gerne

wenn alle anderen gehen

ich bin dann stolz

was für ein gutes

Vorbild ich bin

für all die gefährdeten Kinder

an roten Ampeln

gehe ich besonders gerne

wenn das kein anderer

tut und was ich dann

denke über sie

die da stehen und warten

würden sie wohl

auch auf Godot

meine Therapeutin

befragte mich letzten Freitag

dazu

ob ich wirklich will

dass Kinder

immer stehen und

niemals gehen

an roten Ampeln

und auch

was wäre

wenn Godot

eine U-Bahn wäre

Ich glaube

ich muss sie wechseln.

Jemand wird zuhören

Und nun mied ich auch Menschen

und blieb in meinem Zimmer

für Tage wären zu Wochen geworden

wärst du nicht gewesen

und hättest geklopft an meine Tür

blieb verschlossen

trotzdem setztest du dich

bis ich mich öffnete

und dann die Tür

manchmal rede ich noch heute zu ihr

vielleicht sitzt du ja

auf der anderen Seite

und hörst zu.

Von überfüllten E-Mail-Postfächern

Ich schrieb vor ein paar Jahren eine E-Mail ohne Betreff an einen alten Freund. Über Norderstedt, Urlaubspläne und Gewitterfliegen.

Seine Antwort kam per Brief und der Anfang ging ungefähr so.

Was ich mag:

E-Mails mit Betreff

Was ich lieber mag:

Überfüllte E-Mail-Postfächer. Denn dann habe ich eine Ausrede, Briefe zu schreiben.“

Er konnte immer schon allem etwas gutes abgewinnen.

Seitdem schreiben wir Briefe. Und die ersten Worte dieser Briefe enthalten immer einen Betreff.

Wirklich wahr.

Und, weil heute eine E-Mail zurückkam wegen eines überfüllten Postfachs erinnere ich mich an diese Geschichte. Wie gerne ich ihr eine neue Wendung gegeben hätte. Wie gerne ich heute wie mein alter Freund einen Brief geschrieben hätte. Er hätte den folgenden Betreff gehabt: „Von überfüllten E-Mail-Postfächern“.

Leider aber habe ich ihre aktuelle Adresse nicht.