Elbbrücken

Prolog
Heute überquere ich die Elbe.

I.
Der Vergangenheit tief in ihre blauen Augen gesehen. Sie sah zurück. Und erzählte ihre Geschichte. Sie reichte bis in die Gegenwart und glich der meinigen. Beinahe wäre sie ich geworden. Zu einer anderen Zeit wäre sie das.

II.
Der Gegenwart tief in ihre grünen Augen sehen. Es ist unsere Geschichte. Sie erzählt ihre. Ich erzähle meine. Es bleibt unsere Geschichte. Bis heute. Nehmen wir Momentaufnahmen mit.

III.
Der Zukunft werde ich tief in ihre braunen Augen sehen. Sie wird zurücksehen. Und eine Geschichte erzählen, die nie gewesen sein wird. Nur an einem anderen Ort gewesen wäre. Nur an einem anderen Ort sein wird. Fernab von hier wird sie sein.

Epilog
Heute überquerte ich die Elbe.

Peter Jensen

Sie verliert drei Kinder

bei der Geburt 

ist überfordert

mit ihm und neun Geschwistern

drum wächst Fritz in Heimen auf

ohne jegliches zu Haus 

Teile seiner Jugend 

verbringt er im KZ

genauso wie sein Dad

der schlägt ihn fast tot

ohne jede Not

da war Fritz kaum vier

sein Dad kippte Bier 

nach Bier

er war ein Trinker

und ein linker Kommunist

der am Alkohol starb 

und den Folgen seiner Haft

da war Fritz kaum zwölf 

es war fünf Minuten nach

Fritz will sich selbst töten

doch es bleibt beim Versuch

mit 16 reißt er aus

dem Osten aus

der DDR 

in die BRD

er wird geschlagen

durch sein tristes Leben

Fritz ist ein gezeichneter Mann

Seine Gesicht entstellt 

mit Sprachfehler, Narben

er ist keine 1,70 und dann

mit einundzwanzig 

fast ein Anfang

Fiete heiratet und zieht

nach Hamburg, das er liebt

Er bekommt einen Sohn

und am Hafen seinen Lohn

doch er lässt nicht 

vom Alkohol

und Schlägt seine Frau

betrügt sie zuhauf

sie lässt sich scheiden und dann

beinah wirklich ein Anfang

Die beiden heiraten erneut 

doch scheiden sich wieder unerfreut

Was nun geschieht 

weiß jede:r der Fatih Akin liebt

Im Hamburger Berg 

auf St. Pauli

zu später Stund 

Öffnet der Schlund seinen Abgrund

Elbschlosskeller, Hong-Kong und Handschuh

Anschließend finden seine Opfer ewige Ruh

Fast zwanzig Jahre Knast

und Psychiatrie

Fritz Honka wurde 

Peter Jensen dann

vielleicht ein Anfang 

für diesen schmächtigen Mann

er lebt noch fünf Jahre

in einem Altersheim

doch Alkohol bleibt 

Freund und Feind

mit 68 Jahren im Krankenhaus

gehen seine Lichter aus

sie waren in all den Jahren

niemals angegangen.

Sie

Wir wuchsen auf

im selben Haus

du im ersten Stock

und ich im zweiten

Wir haben uns

ewig nicht gesehen

das Leben führte dich

nach Schweden

„Das nächste Bier

geht auf mich“

sagst du erzählst

was ich in der Zeitung las

Du lebst, sie starb

durch deine eigene Hand

wolltest du sterben wie

sie war unheilbar krank

Die Badewanne lief über

die Fliesen blutrot

als sie euch fanden

war sie bereits tot

Du wolltest mit ihr gehen

bist froh, dass du noch lebst

wofür du dich zugleich schämst

wie deine Augen erzählen.

Du schriebst mir diese Nachricht

kurz vor ihrem Tod

ich antwortete nicht bis heute

trotz deiner sichtbaren Not.

„Ich denke an dich

an jene unbeschwerten Zeiten

dass wir uns verloren

werd ich nie begreifen.“

Wir schweigen

etwas zu lang

es ist wie eine Umarmung

und ein Neuanfang

Als ich in mein Handy tippe

und es zu dir hinüber schiebe:

„Ich liebe, dass du bist.

Dachte ich und schrieb es nicht.“

Kühltruhe

Er sieht gut aus

und ist charmant

intelligent und

redegewandt

bei Frauen beliebt

mit einem Abschluss

in Jura und einem

in Psychologie

zeitweise verdient er

sein Geld bei einer Hotline

zur Prävention von Suizid

er ist politisch aktiv

Sie sind jung und attraktiv

tragen ihre Haare lang

und in der Mitte gescheitelt

dann verschwinden sie

alles flehen lässt ihn kalt

er würgt seine Opfer

bis zur Bewusstlosigkeit

dann vergewaltigt er sie

werden erdrosselt oder erschlagen

er fährt ihre Leichenteile

in seinem Wagen

quer durchs Land

hält dabei ihre abgetrennte Hand

der Beifahrersitz ist ausgebaut

sein weißer VW Käfer

wirkt lässig vertraut

Weit vom Tatort entfernt

legt er sie dann ab

manchmal kommt er zurück

und befriedigt sich am Grab.

Nun fährt er wieder nach Haus

grüßt die gescheitelte Nachbarin

stellt ihre Mülltonne raus

im TV sagen sie wird vermisst

Und für einen Augenblick

wirkt er gar glücklich

als er die Nachrichten sieht

Denn sie suchen ihn

werden sie nicht finden

er zog vor langem um

wessen Hand wird als Nächste

in seiner Kühltruhe verschwinden?

Einzigartig

waren wir nur im wir

gab es kaum Raum

für dich und mich

du warst einzig

ich war artig

wir brachen entzwei

tausende Teile

trafen uns wieder

nach langer Reise

einzigartigerweise

setzten uns zusammen

jeder für sich

möglicherweise gar

ein wenig weiser

sind wir wieder im wir

gibt es nun Raum

für mich und dich

ich bin auch einzig

du auch artig.

Einzigartig.

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Euer

fskonka

Eines Nachts

Die Sonne ging unter

du gingst mit ihr

obwohl ich nicht verstand

warum folgte ich dir.

Wir diskutierten auf dem Weg

über meine Verantwortung und deine

über die der Politik

über Wasserwerfer und Steine.

Du warst dir sicher

dass die Welt noch zu retten ist

ich war mir sicher

dass ist sie nicht.

Vor deinem Haus

stritten wir noch lange

du küsstest mich zum Abschied

versöhnlich auf die Wange

und drücktest mich so fest

hättest mich beinahe zerquetscht

ich wusste nicht, wie mir geschah

du warst mir näher als nur nah

dann sah ich ihn am Fenster stehen

drückte mich los, raunte „Auf Wiedersehen“

hinter der Hecke blieb ich stehen

hörte den Schlüssel im Schloss drehen.

Ich wollte nicht und schrieb dir doch

von blauen Flecken und einer Erde

die auch ohne Menschen

gut zurecht kommen würde.

Du schriebst mir

das mit den Flecken wärst du nicht gewesen

und auf der Erde

werden immer Menschen leben.

Die Sonne ging auf

als ich nach Hause kam

waren meine Füße kalt

war mein Herz warm.

Von einem Kurzurlaub

Sie machte Urlaub in Berlin

für eine Woche nur

und traf unmittelbar

bei ihrer Ankunft

einen Mann

der obdachlos war.

Die beiden kamen ins Gespräch

tauschten sich aus

sie brachte ihm Essen

tagein

tagaus.

Wie ehrlich er war.

Sie einte der Mut.

Wie ehrlich sie war.

Sie einte die Wut.

Nach ihrer Abreise

hielten sie Kontakt

per Telefon

es ging ihr schlecht

das ahnte er schon.

Zwei Jahre später

verstarb sie an Krebs

in einem Hamburger Krankenhaus.

Er hatte zuvor für Stunden

ihre Hand gehalten

und wollte nur

kurz Blumen

holen.

Er war den Tag zuvor

aus Berlin angereist.

Die Entscheidung

Eben noch saß sie auf der Bank

schaute auf das flache Land

und nahm sich Zeit

auf ihrem Weg zur Arbeit

dachte sie nach weswegen

wofür und wie will sie leben

so nicht, das war ihr nun klar

es ist unehrlich und unwahr

sie stand auf und rief ihn an

lief auf und ab und sagte dann

„Ich möchte etwas zum Guten bewegen

in meinem, diesem einzigen Leben.“

Er verstand, während er nach Worten rang:

„Dein Leben sollst du leben

frage stets wofür, wie und weswegen

endlich wirst du wissen, wo lang.“

Sie setzte sich wieder auf die Bank

schaute auf das flache Land

sie saß dort stundenlang

ehe sie schließlich gang.

Die gewissenhafte Frau

Sie kann nicht schlafen

wie fast jeden Abend

kommt sie hierher

schaut auf die Gleise

schaut den Bahnen hinterher

fragt leise nach den Hintergründen ihrer Reise

Sie weiß, sie flieht von zuhaus‘

sie weiß, sie will hinaus

weg von Bier und Wein

rein in die Anonymität

manchmal steigt sie ein

fährt ohne Ziel durch die Stadt.

Es hat etwas beruhigendes.