Es wartet warmherzig der Sinn

Eben noch in wachen Träumen

schau ich in den Himmel blau

vereinzelt ziehen Wolken

zu schnell, um sie zu deuten.

Unscharf tanzt der Schnee

im Vordergrund und

unscharf meine Gedanken

im Hintergrund und

unscharf fällt der Schnee

kaum merklich

manch Flocke steht gar

im wehenden Wind

vor den noch kahlen Bäumen

weder erwachsen noch Kind

sehnsüchtig in leeren Räumen

wartet warmherzig der Sinn

eben noch in wachen Träumen

auf der Straße fährt wer Rad

zur Arbeit durch den Schnee

eben noch lag ich wach

wiegst mich nun in deinen Armen

wohin der Wind mich trägt

wiegst mich nun in deinen Armen

ohne, dass ich je versteh.

Ostern 2021

Dies Ostern ähnelt

dem letzten Jahr

ein Ostern wie sonst

keines war.

Ohne ihn und ohne sie

im engsten Kreis

vermisse sie

die alte Normalität

die ohne Tests

die keine Masken trägt

die mit Umarmungen

die ohne Mahnungen

die unbeschwert in großer Runde

eng an eng am Ostertisch sitzt

und ja, ich vermisse gar

manch schlechten Witz.

Hin zum Herz

Von weitem seh ich dich

wie du mir entgegen gehst

du lächelst still

den Blick gesenkt

stumm stehe ich

wartend und

spüre sehnend dir entgegen

wie während einer Dürre

dem Sommerregen

spüre meinen Blick entgleiten

weg von Kontrolle

weg von Sachlichkeiten

komme

was wolle

hin zu dir

weg vom Kopf

hin zum Herz.

Von einem Kurzurlaub

Sie machte Urlaub in Berlin

für eine Woche nur

und traf unmittelbar

bei ihrer Ankunft

einen Mann

der obdachlos war.

Die beiden kamen ins Gespräch

tauschten sich aus

sie brachte ihm Essen

tagein

tagaus.

Wie ehrlich er war.

Sie einte der Mut.

Wie ehrlich sie war.

Sie einte die Wut.

Nach ihrer Abreise

hielten sie Kontakt

per Telefon

es ging ihr schlecht

das ahnte er schon.

Zwei Jahre später

verstarb sie an Krebs

in einem Hamburger Krankenhaus.

Er hatte zuvor für Stunden

ihre Hand gehalten

und wollte nur

kurz Blumen

holen.

Er war den Tag zuvor

aus Berlin angereist.

#Lockdownlyrik

Moin zusammen,

heute gibt es kein Gedicht.

Dafür will ich auf ein tolles gemeinnütziges Lyrik-Projekt zur Unterstützung der durch die Pandemie besonders betroffenen Obdachlosen aufmerksam machen.

So ist letzten Freitag die Anthologie „#Lockdownlyrik“ beim Trabantenverlag mit 100 Gedichten von 100 Autor:innen erschienen. Es sind unter anderem Texte von Sibylle Berg, Ulrike Almut Sandig und Thomas Gsella zum Thema Lockdown dabei (siehe auch: https://www.trabantenverlag.de/produktseite/lockdownlyrik-100-gedichte-von-100-autor-innen). Ich bin auch mit einem Text vertreten. Der gesamte Erlös des Buches geht an die Obdachlosenhilfe.

Das Buch ist infolge eines Aufrufes auf Instagram entstanden. Alle Autor:innen haben ihr Gedicht für den guten Zweck gespendet. Für weitere Informationen zum Projekt schaut auf der Hompage https://www.lockdownlyrik.de und dem Instagram-Kanal @lockdownlyrik (https://www.instagram.com/lockdownlyrik/?hl=de ) vorbei. Auch das Radiointerview des Initiators Fabian Leonhard mit Bayern 2 (https://www.ardaudiothek.de/aktuelle-interviews/lockdown-lyrik-fabian-leonhard-lyriker/86251798) ist sehr empfehlenswert.

Und jetzt kauft bitte alle diesen wunderbaren Band. Und zwar hier: https://www.trabantenverlag.de/produktseite/lockdownlyrik-100-gedichte-von-100-autor-innen

Der gesamte Erlös geht, wie gesagt, an die Obdachlosenhilfe! Erzählt es weiter und macht Werbung für dieses großartige Buch.

Folgt mir übrigens gerne auch auf Instagram (https://www.instagram.com/f_s_konka/?hl=de). Da trage ich unter anderem regelmäßig Gedichte vor.

Mit lyrischen Grüßen
Fritz Sebastian Konka

Hör deinem Traum zu

Es steht dort eine Wand

auf jenem Platz in Eppendorf

regelmäßig plakatiert

in schwarz und weiß und grau

doch heute strahlt sie Farben

in grün und gelb und rot und blau

strahlt sie Farben

und morgen kommt ein Mann

und plakatiert in schwarz und weiß

mit aller Ruh an die Wand

eine Sternschnuppe tragende Hand

sowie zwei Köpfe

die Ohr an Ohr klagend sagen

„Hör deinem Traum zu“

der linke Kopf

steht Kopf.

Glückstadt

Vor dem blauen Himmel

ragt ein blauer Schornstein

in die Höhe

unter ihm die Stadt

über den grünen Deich

hin zum Elbwatt

wandert mein Blick weich

am weißen Leuchtturm vorbei

ziehen Kraniche trötend

in die Heimat zurück

setzt die Fähre über

des wartenden Pendlers

alltägliches Glück

geht die Sonne über

der Elbe nieder

der Tag ist vorüber.

Zeit I

Ein Zeiger zeigt Sekunden an

ein andrer Minuten

ein nächster zeigt Stunden an

alle drehn sie Runden

im Takt

tick, tack

vergehen

Sekunden

Minuten

und Stunden

im Takt

tick, tack

drehen sie

Runden

anbricht ne neue Runde

in einer Sekunde

in einer Minute

in einer Stunde

bricht an ne neue Runde

Sekunde um

Minute um

Stunde.

Winter / Frühling

Ich steh auf einer kleinen Brücke

schau dem Wasser zu beim Fließen

hör den Vögeln zu beim Singen

bald beginnt es hier zu sprießen.

Gestern noch lag Eis und Schnee

ein Tag wie tiefster Winter

heute weht ein lauer Wind

nimmt Abschied von dem Winter

gleicht einem Frühlingskuss

überschwänglich voller Lust

trifft sich unser Atem in der Luft

der Duft des Aufbruchs.

Unter Wasser

Ich tauche

unter Wasser

halte die Luft an

beweg mich so bewusst

wie ich es heute kann

so leicht ich bin

dein Spiegel

mit dem Wasser eins

fließe ich dahin

mit dem Wasser eins

dreh ich mich wohin

du dich gerade drehst

eine Pirouette

und du stehst

im Wasser

quer vor mir

gibst mir

einen Kuss

wir tauchen auf

Brust an Brust.

Nur nicht allein

Der Weg hierher fällt mir schwer

er ist uneben und vereist

ich rutsche hin und rutsche her

stolper immer wieder leicht

angekommen an dem Teich

knirscht unter mir das junge Eis

erste Risse sind zu sehn

doch weiter will ich gehn

in der Mitte bleib ich stehn

eisig pfeift der raue Wind

erweckt die Stimme der Vernunft

in meinem innern Kind

„Weiter gehst du nicht

du gingst bereits den halben Weg

den ganzen gehst du nicht

auch wenn du noch so mutig bist.“

Der Weg zurück fällt mir schwer

ich rutsche hin und rutsche her

doch ich komm bald wieder her

nur nicht allein.

Auf der Fensterbank

Ich sitze auf der Fensterbank

mit einem Kaffee in der Hand

vorbei zieht Rauch

Wind drückt an die Scheibe

trägt mich in mein Elternhaus

wie oft wog er mich dort

in den Schlaf

wie oft trug er mich fort

lag ich wach

wie oft küsste er mich

sacht in die Nacht

trägt mich in meine Studentenstadt

wie ich den Wind

als ständigen Begleiter

im Süden misste

den Gegenwind

der mich kaum

noch kitzelte und küsste

trägt mich an die Nordseeküste.

Mein Atem

Mein Atem strömt ein

mein Atem strömt aus

ich richte mein Bewusstsein aus

auf meinem Bauch

liegt meine linke Hand

die sich neigt und hebt

mit dem Bauch bewegt

den Rücken an der Wand

hör ich dem Atem zu

ohne, dass ich was tu

hör ich den Atem zu

ohne, dass ich was tu

strömt der Atem aus

strömt der Atem ein

mein Bewusstsein ist gerichtet

auf meinen Bauch.

Prokrastination

Was ich jetzt tun sollte

tu ich nicht

denn gerade will ich noch nicht

erstmal tu ich was anderes

nur was ich nun tu

das weiß ich nicht

vielleicht rufe ich dich an

vielleicht ein wenig Instagram

vielleicht geh ich spaziern

vielleicht werd ich was essen

vielleicht hab ich dann schon vergessen

was ich eigentlich tun sollte

und warum ich es eben nicht wollte

womöglich will ich es ja gleich

ist es zu spät, ob die Zeit noch reicht

wo ist sie denn nur geblieben

ach, ich vergaß, es war dieses Aufschieben.

Unsere Liebe

Unsere Liebe schlummert

unter alltäglichen Einzelheiten

fällt es ihr oft schwer

sich in Gänze zu entfalten.

Unsere Liebe blüht auf

wenn wir uns widmen

wenn wir uns sagen

was wir in uns tragen.

Unsere Liebe ist selten laut

meist leise, zart und zerbrechlich

doch taucht sie auf

ist sie vertraut und unvergesslich.

Drum schrei ich sie hinaus.

Mit Eicheln und mit Stöckern

Die Minigolfbahn geschlossen

wie das Hotel nebenan

ist nichts offen

sind nur deine Arme

empfangen mich

du trägst ein Strahlen im Gesicht

kletterst übern Zaun

wie in alten Zeiten

trau ich mich kaum

du redest mir Mut zu

von der andern Seite

überzeugst du mich im Nu

folg ich dir übern Zaun

du wartest bei den Löchern

mit Eicheln und mit Stöckern

spielen ich und du

schließlich in Seelenruh

sitzen nun auf unsrer Bank

du nimmst meine Hand

und schaust mir in die Augen

ich würd dir alles glauben.

Kein Gedicht

Ich schreibe ein Gedicht

noch weiß ich nicht, was

also schreibe ich, dass

ich nicht weiß, was

während ich auf dem Bett liege

mit dem Handy in der Hand

trotz aller Liebe

ohne Stift und Papier

bei wenig Licht

comes das Handy in handy

zumal ich ständig korrigier

und auf die Schnelle

wild um die Schrift stelle

von dort nach hier.

Die Entscheidung

Eben noch saß sie auf der Bank

schaute auf das flache Land

und nahm sich Zeit

auf ihrem Weg zur Arbeit

dachte sie nach weswegen

wofür und wie will sie leben

so nicht, das war ihr nun klar

es ist unehrlich und unwahr

sie stand auf und rief ihn an

lief auf und ab und sagte dann

„Ich möchte etwas zum Guten bewegen

in meinem, diesem einzigen Leben.“

Er verstand, während er nach Worten rang:

„Dein Leben sollst du leben

frage stets wofür, wie und weswegen

endlich wirst du wissen, wo lang.“

Sie setzte sich wieder auf die Bank

schaute auf das flache Land

sie saß dort stundenlang

ehe sie schließlich gang.

zum einkauf der dinge

ruhig, still und leise

wie an nem feiertag

aber auf ne gespenstische weise

an jedem wochentag

bleiben wir wenn möglich

allein drinnen zu haus

gehn nur raus, wenn nötig

setzen uns masken auf

zum einkauf der dinge

des täglichen gebrauchs

wie ich immer wieder ringe

mit den dingen und ihrem lauf

warum es ist, wie es ist

es sollte anders sein

nein, es ist, wie es ist

es kann nicht anders sein.

fünf minuten

fünf minuten hab ich

für dieses gedicht

jetzt nicht mehr

sind nun nur noch vier

denk zu viel

schreib zu wenig

bräuchte wohl ein bier

ein alkoholfreies natürlich

drogen sind für mich nicht mehr

außer kaffee versteht sich

und auch mal ein wenig teer

naja, und ab und an

gönn ich mir nen schnaps

wers glaubt, der hats

aber nun, ich schweife ab

jetzt sind es nur noch drei

in wirklichkeit gar nur noch zwei

jetzt denk ich nochmal richtig nach

für ein würdiges ende

ende.

tschüss

hab dich viel zu lang

nicht mehr gesehn

wie konnte das geschehn

lag es an mir

lag es an dir

wollte es verstehn

schrieb dir

wann wir uns wiedersehn

du schriebst nicht

und dann irgendwann

mit vielen worten

dass du nicht kannst

ich verstand

es fehlte nie die zeit

du bist schlicht nicht bereit

würd gern sagen, ist halt so

dass es mich sehr trifft

ohne jegliches wieso.

Zwei kleine Sonnen

Zwischen zwei Laternen

steht im Fernen die Sonne tief

die eben scheinbar noch

hinter grauen Wolken schlief.

Wie prägt sie unser aller Sein.

Ganz gleich wird sie verschwunden sein

ganz gleich wird sie woanders schein‘

ganz gleich werden die Laternen leuchten

wie zwei kleine Sonnen erleuchten.

Mitten zwischen ihnen stehe ich

und kann mich nicht entscheiden

möchte gehen, möchte bleiben

sehe ich das Dunkle nicht

hinter all dem Sonnenlicht?

Hin und zurück oder im Kreis

Sie trafen sich am selben Gleis

sie fuhr gerne Bahn, er Bus

als Selbstzweck mit Genuss

hin und zurück oder im Kreis.

Sie kamen ins Gespräch

über ein Buch von Murakami

das sie jeweils beim Warten lasen

bevor sich ihre Blicke trafen.

Beide liebten es, dem Alltag zu entfliehen

liebten Landschaften, die vorüberziehen

liebten Reisegeräusche

wie Stille andere Leute.

Sie vergaßen Raum und Zeit

redeten über Vergänglichkeit

über das Suchen und Finden

über das einfach Verschwinden.

Sein Bus war längst gefahr‘n

als sie ihre Bahn nahm

doch das sagte er nicht

mit einem Lächeln im Gesicht.

Zu zweit an einem Ort

Es war einmal ein Mensch

der tat recht wenig

ruhte aus

wenn möglich

redete er kaum, hörte viel zu

er war phlegmatisch womöglich.

Es war einmal ein Mensch

der tat immerzu

kannte keine Ruh

redete mit Genuss

in einem Fluss

er war wohl lebhaft bis zum Überdruss.

Es war einmal ein Mensch

der tat mal hier, ruhte mal dort

redete

dann und wann

hörte er zu in aller Ruh

er war zu zweit an einem Ort.

Der längste Tag des Jahres

Der kürzeste Tag des Jahres

ist nun vorbei

die Tage werden länger

ich denke an uns zwei.

Wie wir, es war

vor etwa einem halben Jahr

am längsten Tag des Jahres

draußen saßen

bis die Sonne unterging.

Wie wir

die laue Nacht genossen

draußen lagen

bis der neue Tag anfing.

Wie wir

im Bewusstsein der Vergänglichkeit

uns aneinander schmiegten.

Wie wir uns

bei Sonnenaufgang

liebten.

Eppendorf/ Othmarschen

Ich gehe mit meiner Mutter

durch die Stadt

wir gehen den ganzen Tag

von der Alster an die Elbe

bis zum Jenischpark

ein wenig östlich

wuchs meine Mutter auf

wir werfen einen Blick

auf ihr Elternhaus

sie weiß über jeden Winkel hier

etwas zu berichten

erzählt Geschichten

aus Kindheit und Jugend

von ihrem Großonkel und dessen

vermeintlicher Tugend

ich frage mich

werd‘ ich so auch mal

durch Norderstedt gehen

und meiner Tochter erzählen?

von Teufelsbrück

geht es mit der Fähre zurück

den Wind im Gesicht

im Kopf dieses Gedicht.

Das Bild der zwei Brücken

Ich steh‘ unter zwei Brücken

die eine führt gen Norden

die andere gen Süden

über mir zwei Brücken.

Auf Schienen fahren die Bahnen

immer denselben Weg

die Schienen sind der Rahmen

für immer denselben Weg.

Die Menschen malen das Bild aus

mit stetig verschiedenen Farben

sie steigen ein und steigen aus

verändern mild die Farben

des immer selben Wegs

mancher sitzt und mancher steht

doch jeder geht auf seinem Weg

zumindest ein paar Schritte

mancher sucht nach seiner Mitte

mancher fand sie schon vor Jahren

mancher band sich, zu bewahren

mancher sieht die ersten Risse.

Meine Wahrheit brodelt verborgen

zusammen mit meinen Lügen

gestern wie heute wie morgen

wie kann ich mir genügen?

Die wartenden Möwen

Sie sitzen dort und warten

hinter ihnen der Hafen

sie sitzen dort und warten

so ruhig, als ob sie schlafen.

Sie sitzen dort bei Sturm

sie sitzen dort bei Regen

sie sitzen dort als würd‘ es

nichts and’res für sie geben.

Sie sitzen dort und warten

selbst in der tiefen Nacht

hinter ihnen der Hafen

der ruhig über sie wacht.

Eine Trennung

Im Taxi auf der Rückbank

weint er hemmungslos

der Taxifahrer sagt nichts

und fährt rücksichtslos

über rote Ampeln

setzt den Blinker nicht

fährt viel zu schnell

trotz schlechter Sicht

er sollte was sagen

er sagt nichts

wie kann er es nicht wagen

weint bloß bitterlich

Sie ist wirklich gegangen

oder ging doch er

es hat sich angedeutet

und fällt trotzdem schwer.

Das Taxi ist schon da und hält

die Fahrt unangenehm wie nie

trotzdem gibt er Trinkgeld

er denkt nur an sie.

Sie hat es nicht ausgesprochen

er hat es gespürt

das Unschuldige zerbrochen

sie war nicht mehr berührt.

Silvester an der Alster

Es ist Silvester kurz vor Mitternacht

Eisschollen treiben auf dem Wasser

in dieser klaren, bitterkalten Nacht

er sucht sich einen stillen Platz

wo er seine Ruhe hat

wo nichts passiert

wo nichts geschieht

vielleicht wirft er seine Angel aus

einen Köder nutzt er nie

während zuhaus‘ im Endreihenhaus

seine Frau allein das neue Jahr begießt

die Kinder, bereits eingeschlafen

ein Vorsatz, ein Fisch an seinem Haken.

Ein Blick für einen flüchtigen Augenblick

Sie sehen sich jeden Wochentag

für nicht länger als eine Sekunde

immer morgens zur selben vollen Stunde

fährt sie mit der U-Bahn rein in die Stadt

und er mit der U-Bahn raus aus der Stadt.

Wenn die Bahnen aneinander vorbeifahren

trifft sich ihr Blick für einen flüchtigen Augenblick

ihr war gar, als hätte er ihr zugenickt

ehe er sich im eigenen Spiegelbild verliert

als wäre nichts passiert.

Die Brücke

Zwischen ihnen diese Lücke

er auf der einen Seite

sie auf der anderen Seite

der hinüber führenden Brücke.

Während sie so am Ufer stehen

und zueinander hinübersehen

in Erwartung der ersten Schritte

des jeweils andern gen Brückenmitte

hat es zu regnen angefangen

auch grollt ein Donner in der Ferne

ist sie bald gegangen

von der Kälte in die Wärme.

Er steht nun allein auf ihrer Seite

durchnässt bis auf die Haut

niemand mehr auf seiner Seite

es wirkt seltsam vertraut.

Kreuz und her

Meine Gedanken

rasen

rasen

hin und her

rasen

kreuz und quer

überschlagen sich

egal, was ich auch tu‘

ich komm‘ nicht zur Ruh‘

und mein Körper

träge, langsam, schwer

kommt dem Kopf nicht hinterher

als ob etwas an ihm hängt

als ob ihn jemand unbekanntes lenkt

fragt sich bloß wer

verfängt sich

fängt nicht

fängt mich

ein Gedanke

verdrängt

hier

drängt

dort

drängen

meine Gedanken

rasen

überschlagen sich

jagen mich

hin und quer

kreuz und her.

Von einem Mann

Unter der Woche fährt er

mit der U-Bahn in die Stadt

manchmal schläft er ein

manchmal bleibt er wach.

Er wurde hier geboren

und er wird hier sterben

hier wuchs er heran

von einem Kind zum Mann.

Am Wochenende schaut er

aus seinem Fenster raus

er kennt hier jeden Stein

hier ist sein Zuhaus‘.

Alle kennen ihn

zumindest sein Gesicht

manche gar seinen Namen

die meisten aber nicht.

Allen, die vorbeigehen

wünscht er ‘nen guten Morgen

er weiß von ihren Träumen

er weiß von ihren Sorgen.

Nur von seinen eig‘nen

wusste er noch nie

will er auch nicht wissen

darum fragt er sie.

Auf jener Bank im Park

Zwischen gelben Blättern

steht diese Bank im Park

auf der ich bis eben saß

und in einem Buche las

das du geschrieben hast

auf jener Bank im Park

ich sah dir manchmal zu

wie du schriebst mit großer Ruh

wie du Zeit und Raum vergaßt

auf jener Bank im Park

auf der ich bis eben saß

in deinem Buche las

Raum und Zeit vergaß

auf dieser Bank im Park

schlug ich in aller Ruh

nunmehr dein Buche zu.

Von Rotwein und Zartbitterschokolade

Mit dem faden Geschmack im Mund

von trockenem Rotwein und

süßer Zartbitterschokolade fährt sie

während andere längst schlafen

mit einem spöttischen Lächeln Richtung Flughafen.

Wo sie sich das erste Mal trafen

vor zwei Jahren auf den Tag genau

sie war damals eine andere Frau

ziemlich selbstherrlich und arrogant

wie sie sich dank ihm später eingestand.

Nicht, dass sie es jetzt nicht mehr ist

aber sie kann über ihre Arroganz lachen

kann Witze über sich machen

doch das sieht sie gerade nicht

als sie allein am Flughafen sitzt

neben einem Mann mit einem Rotwein

in der einen und einer Zartbitterschokolade

in der anderen Hand und

rund um den Mund

einem spöttischen Lächeln.

Was dich ausmacht

Wie viele Gesichter du hast, ob du sie alle kennst

ob du einen Elefanten beim Namen nennst

wann du weinst und wann du auslachst

was du liebst und was dich ausmacht

wo du dich betrügst, wann du lügst

ob der äußere Schein trügt

was du dir wieso verbaust

was du dich nicht traust

worüber du dich ärgerst

wen du gern verärgerst

wovor du Angst hast

wann du laut lachst

ob du dich sehnst

was du verpönst

was du verbirgst

was mit dir stirbt

was dich antreibt

was von dir bleibt

wenn du dein

Innerstes

nach Außen

kehrst.

Mit Freude oder halb Leid

Ich schaue mit der mir möglichen Ruh

dem Treiben auf der Außenalster zu

Vögel und Ruderer ziehen vorbei

allerlei Worte taumeln

durch den Kopf baumeln

im Takt der Wellen auf und ab

wie Beine überm Wasser

Fässer von Gedanken

wer vor mir hier saß und wie lange

war ihr Mut, ihm bange

worüber dachte sie nach

lachte er laut seltsam vertraut

allein oder zu zweit

mit Freude oder halb Leid

war es noch Nacht oder schon Tag

wart sie seinen Möglichkeiten gewahr

auch wer nach mir hier sitzt

ob sie ihren Namen in die Bank ritzt

sieht er den Herbst funkeln seine Augen

wohin führt sie ihr unerschütterlicher Glauben

hört er das Wasser ruhig an die Wände schlagen

hat sie jemals jemand auf Händen getragen