Husum

Theodor Storms

graue Stadt am Meer

zwischen Heim- und Fernweh

schwank ich hier wie er

in seiner Gasse

setz ich mich still

auf dem kalten Asphalt

wärmt die Sonne bald

den gefallenen Regen

wie im April

wechselt mein Innenleben

gelehnt an einer roten Backsteinwand

reiche ich seiner Vergangenheit

die Hand reicht er

zurück

wank ich bis zum Gang

zwischen Schloß und Markt

leg mich schließlich hin im Park

schau an den Bäumen in die Höh

erfüllt mit Wehmut

war sein Weg.

Reise in die Vergangenheit

Ich war hier

zuletzt vor sieben Jahren

damals blühten

jetzt fallen die Kastanien.

Ich fühle die Bewegung

fühle auch die Angst

und trotzdem wage ich

diesen nächsten Tanz.

Das Schloss im Blick

und auch das Amtsgericht

vom Spielplatz her tönt Kinderlärm

wer sie und wir wohl heute wären

wenn du damals

nicht zu mir gehalten hättest

wenn du damals

mit ihm gegangen wärest.

In den Zweigen goldenes Lametta

Eine weiße Villa bei sternklarer Nacht

auf einem Hügel versteckt im Gelände

hinter alten Bäumen und Gestrüpp

am Ende des weichenden Weges

zugedeckt, verwunschen, dicht

tanzen wackelnd auf Sicht

unscharfe Schatten

wehen Flaggen

im flackernden Licht

der lodernden Flammen

von unzähligen Fackeln erhellt

leuchtet goldenes Lametta grell

in sich neigenden Zweigen

darunter ins hohe Gras

fallen vereinzelt Blätter suchen Hände

an diesem nicht endenden Spätsommertag

zählen jene vom Dach des morschen Schuppens

heimlich Sternschnuppen sich gegenseitig fragend

ob ihre Wünsche tragen, was die Zukunft bringen mag

Unbewusste Bewusstheiten

Fetzen von Träumen taumeln

ungreifbar nah vor offenen Augen

durch meine verschlafene

Welt der Gedanken

ob es wahr ist oder nicht

geschah oder nicht

jene rannten

jene flogen

jene tanzten

zerplatzt und nie gewesen

die gelebten Erinnerungen

so klar vor ungläubigen Augen

erfasst von einem unsichtbaren Strom

des Bewussten im Schatten

eines täuschend echten Turms

zu deuten das

was

ich schließe meine Augen.

Wie ein Stern am Himmel.

Der Tod hängt über allem

hängt der Tod

über mir und über dir

hängt über allen

hängt der Tod

kommt mal leise angeschlichen

nach Jahren im tiefen Schlaf

und einem letzten Händedruck

den du ihr voll Liebe gabst

kommt mal plötzlich in dem Wissen

dass er viel zu früh ihn traf

beim Wandern ein Steinschlag

unerklärlich Jahr um Jahr.

Der Tod hängt über allen

hängt der Tod

über mir und über dir

hängt über allem

hängt der Tod.

Wie ein Stern am Himmel.

Die Feder

Eine Feder fiel wohin leicht

aus der Luft

fing ich unbewusst

schweifend in Gedanken sie

wäre gelandet

im duftenden Gras

unerkannt läge sie

bis wann

im hohen Gras

wanderte ich den Fluss

entlang zur Quelle

ließ los erst dann

bewusst die Feder

fiel seicht und glitt dahin

flussabwärts

Welle für Welle

bis ich sie nicht mehr sah

nie wieder.

Die Insel

Zu sehen ist sie nicht

zu erahnen ist sie.

Der graue Himmel bebt

ich schaue an einen Leuchtturm gelehnt

hinüber zum anderen Ufer der Elbe

und seh ein im Kreis drehendes Licht

während es donnert

während es blitzt

während es gießt wie aus Kübeln

verschwimmen Himmel und Fluss

drunter und drüber und gegenüber

poltern Regentropfen auf Autodächer

wie erbsengroße Hagelkörner

mein Kopf in deinem Schoß

Im Osten erwarten die Kräne des Hafens

jene flussaufwärts fahrenden Schiffe

deren Lichter gleich verschwunden sein werden

nie werd ich sie wiedersehen

während es donnert

während es blitzt

während es gießt wie aus Kübeln

startet aus dem drehenden Licht

eine Möwe in die bald so weißen Wolken

des dann so strahlend blauen Himmels

unter ihr die inmitten des Flusses liegende Insel

die nicht zu sehen ist

die nur zu erahnen ist.

Am Elbstrand

Sonnenlicht spiegelt sich

im Wasser der Elbe

ich liege am Strand

und denke dasselbe

wie beim letzten Mal

als ich hier war

den Schiffen hinterher sah

ich habe die Wahl

zwischen hier und dort

zwischen bleiben und reisen

zwischen mir und dir

während die Fragen kreisen

wer fährt warum wohin

wer gibt sich dem Momente hin

wer denkt still vor sich hin

wer lebt ohne Fragen, ohne Sinn

Auch am Ende denke ich immer dasselbe

vor mir die auslaufenden Wellen der Elbe

vor mir das gleißende Licht

ich denke an dich.

Unkraut zwischen Steinen

Auf der Suche nach Inspiration

treff ich meist den falschen Ton

statt B sing ich A

und nun liegt sie da

zwischen Steinen wie Gedanken

spring ich hin und spring ich her

manche leicht, die meisten schwer

wie ausgewachsne Elefanten

trampeln sie auf mir herum

doch ich bleibe nicht mehr stumm

schrei so laut ich eben kann

alles raus, was mich fand

im Heimatfilm gegen die Wand

raste ich einst ungebremst

die Tagesschau gab mir die Hand

hat mein Leben mir geschenkt

und so wachsen langsam Pflanzen

die empor allmählich ranken

wie Unkraut zwischen Steinen

bin ich mit mir im Reinen.

Es wartet warmherzig der Sinn

Eben noch in wachen Träumen

schau ich in den Himmel blau

vereinzelt ziehen Wolken

zu schnell, um sie zu deuten.

Unscharf tanzt der Schnee

im Vordergrund und

unscharf meine Gedanken

im Hintergrund und

unscharf fällt der Schnee

kaum merklich

manch Flocke steht gar

im wehenden Wind

vor den noch kahlen Bäumen

weder erwachsen noch Kind

sehnsüchtig in leeren Räumen

wartet warmherzig der Sinn

eben noch in wachen Träumen

auf der Straße fährt wer Rad

zur Arbeit durch den Schnee

eben noch lag ich wach

wiegst mich nun in deinen Armen

wohin der Wind mich trägt

wiegst mich nun in deinen Armen

ohne, dass ich je versteh.

Von einem Kurzurlaub

Sie machte Urlaub in Berlin

für eine Woche nur

und traf unmittelbar

bei ihrer Ankunft

einen Mann

der obdachlos war.

Die beiden kamen ins Gespräch

tauschten sich aus

sie brachte ihm Essen

tagein

tagaus.

Wie ehrlich er war.

Sie einte der Mut.

Wie ehrlich sie war.

Sie einte die Wut.

Nach ihrer Abreise

hielten sie Kontakt

per Telefon

es ging ihr schlecht

das ahnte er schon.

Zwei Jahre später

verstarb sie an Krebs

in einem Hamburger Krankenhaus.

Er hatte zuvor für Stunden

ihre Hand gehalten

und wollte nur

kurz Blumen

holen.

Er war den Tag zuvor

aus Berlin angereist.

Zeit I

Ein Zeiger zeigt Sekunden an

ein andrer Minuten

ein nächster zeigt Stunden an

alle drehn sie Runden

im Takt

tick, tack

vergehen

Sekunden

Minuten

und Stunden

im Takt

tick, tack

drehen sie

Runden

anbricht ne neue Runde

in einer Sekunde

in einer Minute

in einer Stunde

bricht an ne neue Runde

Sekunde um

Minute um

Stunde.

Über Felder

Ich gehe über Felder

am Morgen im Sonnenschein

strahlen die Wälder

ich gehe querfeldein

ich suche nach Störchen

ich gehe allein

auf dem Weg zurück

findet mich dieses Gedicht

meine Suche als Ziel

wo führt sie mich hin

übern Zaun und darunter

die Suche als Sinn

lenkt meine Gedanken

irgendwohin

gehe ich am Morgen

im Sonnenschein

auf der Suche

nach

Störchen

querfeldein.

Hamsterrad

In dem Hamsterrad

lauf ich nicht mehr

vielmehr geh ich achtsam hin

und gehe achtsam her

in dem Hamsterrad

bleib ich oft stehen

schaue auf und schaue ab

es ist so viel zu sehen

in dem Hamsterrad

ein sehr weiter Schritt

wie schnell es sich jetzt dreht

doch natürlich halt ich mit

in dem Hamsterrad

geh ich nun sehr schnell

sehe kaum noch was

von dieser schönen Welt

ich gehe immer schneller

merke nicht, dass ich schon lauf

bis ich stolper und ich falle

aus dem Rad hinaus

und wie ich liege so daneben

wird mir auf einmal klar

neben mir das Leben

wie unachtsam ich war

dieser Gedanke eben

gibt mir neue Kraft

auf zum nächsten Anlauf

in das Hamsterrad

nur noch langsamer

nur noch achtsamer.

Die Entscheidung

Eben noch saß sie auf der Bank

schaute auf das flache Land

und nahm sich Zeit

auf ihrem Weg zur Arbeit

dachte sie nach weswegen

wofür und wie will sie leben

so nicht, das war ihr nun klar

es ist unehrlich und unwahr

sie stand auf und rief ihn an

lief auf und ab und sagte dann

„Ich möchte etwas zum Guten bewegen

in meinem, diesem einzigen Leben.“

Er verstand, während er nach Worten rang:

„Dein Leben sollst du leben

frage stets wofür, wie und weswegen

endlich wirst du wissen, wo lang.“

Sie setzte sich wieder auf die Bank

schaute auf das flache Land

sie saß dort stundenlang

ehe sie schließlich gang.

Von einem Mann

Unter der Woche fährt er

mit der U-Bahn in die Stadt

manchmal schläft er ein

manchmal bleibt er wach.

Er wurde hier geboren

und er wird hier sterben

hier wuchs er heran

von einem Kind zum Mann.

Am Wochenende schaut er

aus seinem Fenster raus

er kennt hier jeden Stein

hier ist sein Zuhaus‘.

Alle kennen ihn

zumindest sein Gesicht

manche gar seinen Namen

die meisten aber nicht.

Allen, die vorbeigehen

wünscht er ‘nen guten Morgen

er weiß von ihren Träumen

er weiß von ihren Sorgen.

Nur von seinen eig‘nen

wusste er noch nie

will er auch nicht wissen

darum fragt er sie.

Auf jener Bank im Park

Zwischen gelben Blättern

steht diese Bank im Park

auf der ich bis eben saß

und in einem Buche las

das du geschrieben hast

auf jener Bank im Park

ich sah dir manchmal zu

wie du schriebst mit großer Ruh

wie du Zeit und Raum vergaßt

auf jener Bank im Park

auf der ich bis eben saß

in deinem Buche las

Raum und Zeit vergaß

auf dieser Bank im Park

schlug ich in aller Ruh

nunmehr dein Buche zu.

Die Ruhe der Gedanken

Manchmal fällt mir nicht ein

Gedanke ein,

dann suche ich, doch

finde keinen Reim.

Manchmal findet ein

Gedanke mich,

ohne, dass ich suche

scheinbar aus dem Nichts.

Manchmal frag ich nicht,

woher er kommt, und

schreib ihn auf

ob Tag, ob Nacht

nehm ich ihn ernst und auf.

Manchmal frag ich nach

seinem Grund und

grübel länger nach,

ob ich versteh,

welch Gefühl

dahinterstehen mag.

Manchmal schieb ich

ihn zur Seite, hör ihm

nicht einmal zu,

stets kommt er dann wieder,

manchmal erst nach Jahren,

er will seine Ruh.

Leben und Momente

Wie erfüllend solch Momente sind,

wenn ich nicht will, nur bin,

wie erfüllend solch Momente sind,

wenn ich nicht will, nur bin.

Wie erfüllend solch Momente sind,

wenn ich nur sitz und schau,

wie erfüllend solch Momente sind,

wenn ich nur sitz und schau.

Wenn ich mit mir alleine scheine,

verbunden bin mit allem Sein,

wenn ich mit mir alleine scheine,

verbunden bin mit allem Sein.

Wenn ich es nicht anders wünsche,

anders wünsche als es ist,

wenn ich es nicht anders wünsche,

anders wünsche als es ist,

wie wundervoll

mein Leben ist.

Fließende Ruhe

Ich blicke auf die grünen Hügel der Vogesen,

Nebel steigt aus dem Tal herauf,

an die Scheiben peitscht der Regen.

Der Ofen wärmt, die Vögel zwitschern,

ich denke, an das Plätschern des Rheins,

an die Natur als Spiegel meines Seins.

Wie die Flüße fließen,

wie die Wolken ziehen,

wie die Hügel im Nebel verschwinden,

wie die Vögel weiterziehen.

So klar und so bewusst,

breitet sich in mir die Einsicht aus,

wahre Ruhe ist stets im Fluß.

Ein Zyklus

Ein Tag fließt dahin

läuft wie die Welle 

eines stillen Sees

geräuschlos aus

kein Brausen

kein Tösen.

Kein Fazit.

Obwohl ich nur 

Andeutungen

keine Umsetzungen fand

als ich sehnend suchte

nach den Höhen 

in den Tiefen 

meines Innern

nach den Räumen

die dort flimmern

ob sie vermögen 

ein lichterlohes Feuer

zu entfachen

nach den Begrenzungen

die dort wachen

nach den ausgeschöpften

Möglichkeiten

Kein Fazit.

Ich werde weiter suchen 

und weiter.

Kein Fazit.

Obwohl ich ahne

die Suche wird nicht enden. 

Niemals dürfte am Ende eines 

Tages ein Fazit stehen

wahrscheinlich nicht

einmal am Ende 

eines Lebens.

Schließlich bleibt

der Startpunkt, die Weite

eines jeden Weges unbekannt

Eltern und Ahnen 

übergaben unerkannt 

im endlosen Staffellauf 

der Zeit.

Kein Fazit. 

Meine Suche dennoch 

nicht vergebens. 

Sie deckt auf und wieder zu

ruht aus, braust auf

bis ans Ende meines Lebens

das nie zu Ende ist

bis ans Ende meines Lebens

das kein Ende ist,

Farbspritzendes Gewitter

Alltag weg,

Chaos da,

Euphorie nah.

Farbspritzendes Gewitter

Kreuz wechselnd quer

Ballons voll greller Farbe

platzen lassen

rot, gelb, pink

und blau

bedecken weiße Flächen

kleine bunte Flecken

selbst an den Decken

dabei tanzend einen

Ventilator zu

Ja, Paniks

zwischen 2 und 4

kreisen lassen und

mit zum Himmel

gestreckter Hand

in Hand mit hellen

Leuchtmalstiften

ein lila Pyrofeuerwerk

zünden als gebe es

kein Morgen.