Husum

Theodor Storms

graue Stadt am Meer

zwischen Heim- und Fernweh

schwank ich hier wie er

in seiner Gasse

setz ich mich still

auf dem kalten Asphalt

wärmt die Sonne bald

den gefallenen Regen

wie im April

wechselt mein Innenleben

gelehnt an einer roten Backsteinwand

reiche ich seiner Vergangenheit

die Hand reicht er

zurück

wank ich bis zum Gang

zwischen Schloß und Markt

leg mich schließlich hin im Park

schau an den Bäumen in die Höh

erfüllt mit Wehmut

war sein Weg.

Nackt

Ich atme mich allein

in diesen Tag

ich trage mich allein

durch diesen Tag.

Setze mich auf diese Bank

schaue still aufs Meer

setze mich auf jene Bank

mein Kopf gedankenleer.

Lege nackt mich in den Sand

Wind kitzelt meine Haut

atme eine und atme aus

meine spinnenden Gedanken.

Spaziere nackt hinein ins Meer

denke an McGinley und wie sehr

unnatürlich es ist

angezogen zu sein.

Ich trage mich allein

durch diesen Tag

ich atme mich allein

aus diesen Tag.

Sylt

Auf einer weißen Bank

oberhalb des Strands

aber vor den Dünen

schau ich den Wellen zu

wie sie brechen

noch ist Ebbe

bald ist die Flut.

Ab und an gehen Menschen

auf der Promenade vor mir entlang

fast alle zu zweit und älter als ich

selten Hand in Hand

sie beachten mich nicht.

Mal schaue ich ihnen

hinterher

und frage mich

wie er wohl wär

wenn er nicht

mit ihr zusammen wär.

Frage mich

wie sie wohl ist

wenn sie wütend

auf ihn ist und

ob sie glücklich

mit ihm ist und

ob sie glücklich

ist mit sich.

Frage mich

ob ich es bin

und gebe mich

wieder meinem Atem

und schließlich

meinen Beobachtungen hin

Auf dem Zugdach nach Sylt

Ich steh auf einer Brücke

am Bahnhof in Klanxbüll

zwischen zwei Gleisen

das eine führt nach Sylt

unter meinen Füßen

rauscht ein Güterzug vorbei

drückt nach oben warme Luft

strömt an mir vorbei

ich würde gerne springen

auf das Dach

wie in so vielen Filmen

und denke nach

wie ich wohl fiele

wenn ich spränge

was ich mir täte

was gewönne

wenn ich reiste

als blinder Passagier nach Sylt

auf dem Dach

ich denke nach.

Reise in die Vergangenheit

Ich war hier

zuletzt vor sieben Jahren

damals blühten

jetzt fallen die Kastanien.

Ich fühle die Bewegung

fühle auch die Angst

und trotzdem wage ich

diesen nächsten Tanz.

Das Schloss im Blick

und auch das Amtsgericht

vom Spielplatz her tönt Kinderlärm

wer sie und wir wohl heute wären

wenn du damals

nicht zu mir gehalten hättest

wenn du damals

mit ihm gegangen wärest.

Ein unzufälliges Foto

Du machst ein Foto von dir

zufällig

und dieser Blick ist dir

völlig

unbekannt.

Ob du dich kennst

fragst du dich

kennen willst

fragst du dich.

Wirklich kennst. Wirklich kennen willst.

In all den Abgründen. Fragst du dich.

Ob du dich kanntest

damals

als du warst

damals

fragst du dich.

Wirklich kanntest Du dich nicht.

Nein. Nicht in deinen Abgründen.

Ob du dich kennen wirst

dann

wenn du sein wirst

fragst du dich.

Ich mach ein Foto von mir

unzufällig

und dieser Blick ist mir

völlig

unbekannt.

Sacré Cœur

Ich sitz am Steg am Ukleisee

ruhig und klar das Wasser

blau wie der Himmel

spiegelt sich im Wasser

das Spiel der weißen Wolken

die sich jagen, ineinander übergehen

die zerfallen und vergehen

in der Ferne Glockenläuten.

Ich schau zum anderen Ufer

dort strahlen alte Bäume

grün auch der morsche Steg

tief hängen hier die Träume.

Ich sitz am Steg am Ukleisee

mit meiner lieben Mutter

wir schweigen stumm

in Gedanken unserer Spiegelung.

Was sie von mir in sich sieht

was ich von ihr in mir sehe

ob sie mich bedingungslos liebt

ich ihre Ambivalenzen verstehe

wohin wir miteinander flögen

wenn wir denn fliegen könnten

vom Steg des Ukleisees

sehen wir das Spiel der Wolken

Auf dem Hügel

Jeden Sonnabend kauft er

Äpfel auf dem Markt

schenkt sie ihm ein Lächeln

fragt, wie seine Woche war.

Er würde gern berichten

was ihn die Woche bewegte

wie er auf seinem Arbeitswege

in Gedanken Blumen für sie pflückte.

Doch er murmelt nur „Gut.“

schaut verlegen nach unten

reicht ihr das Geld und mutig

einen Zettel, auf dem steht:

„In Gedanken pflück ich jeden Tag Blumen für dich.“

Und darunter seine Nummer.

Während er noch vor ihr steht

antwortet sie sichtlich bewegt:

„Wir sehen uns morgen um 11 Uhr

auf dem Hügel im Eppendorfer Park

ich bringe dir Blumen mit

und du mir einen Wochenbericht.“

Von einer gelben Jacke

Es treibt bei Regen

und starkem Wind

ein roter Ball im Meer

auf den Wellen hin und her

unter der Seebrücke

taucht der Ball auf und ab

und zu prallt er

an das Geländer

ein Mann steht in gelber Jacke

auf den schwarzen Steinen

die ragen vom Land ins Meer

im peitschenden Wind

brechen die Wellen

schäumt die Gischt

er sah sie als Leuchtturm

das war sie nicht

der Ball taucht weiter

in den Wellen auf und ab

und zu prallt er

an das Geländer

von dort springt ein Junge

todesmutig hinein

in das tosende Meer

es muss sein Ball sein

denkt er

an sie

dort liegt

eine gelbe Jacke.

In den Zweigen goldenes Lametta

Eine weiße Villa bei sternklarer Nacht

auf einem Hügel versteckt im Gelände

hinter alten Bäumen und Gestrüpp

am Ende des weichenden Weges

zugedeckt, verwunschen, dicht

tanzen wackelnd auf Sicht

unscharfe Schatten

wehen Flaggen

im flackernden Licht

der lodernden Flammen

von unzähligen Fackeln erhellt

leuchtet goldenes Lametta grell

in sich neigenden Zweigen

darunter ins hohe Gras

fallen vereinzelt Blätter suchen Hände

an diesem nicht endenden Spätsommertag

zählen jene vom Dach des morschen Schuppens

heimlich Sternschnuppen sich gegenseitig fragend

ob ihre Wünsche tragen, was die Zukunft bringen mag

Eines Morgens

Es regnet nicht und doch fällt Regen

der in der Nacht auf Blätter fiel

in gelegentlichen Tropfen

gleich einem unsteten Klopfen

und weht der Wind, fällt Regen

der in der Nacht auf Blätter fiel

in einem heftigen Guss

gleich einem wilden Kuss

und inne hält der Wind

still und ruhig die Blätter

auf die in der Nacht Regen fiel

in einem heftigen Unwetter

fällt neuer Regen nun auf Blätter

auf die in der Nacht Regen fiel

leicht biegen sich die Blätter

ich denke wieder viel zu viel

wie ich klopfte an deiner Tür

an unseren ersten Kuss

wie du mich sahst mit ihr

an unseren letzten Kuss.

Eines Nachts

Die Sonne ging unter

du gingst mit ihr

obwohl ich nicht verstand

warum folgte ich dir.

Wir diskutierten auf dem Weg

über meine Verantwortung und deine

über die der Politik

über Wasserwerfer und Steine.

Du warst dir sicher

dass die Welt noch zu retten ist

ich war mir sicher

dass ist sie nicht.

Vor deinem Haus

stritten wir noch lange

du küsstest mich zum Abschied

versöhnlich auf die Wange

und drücktest mich so fest

hättest mich beinahe zerquetscht

ich wusste nicht, wie mir geschah

du warst mir näher als nur nah

dann sah ich ihn am Fenster stehen

drückte mich los, raunte „Auf Wiedersehen“

hinter der Hecke blieb ich stehen

hörte den Schlüssel im Schloss drehen.

Ich wollte nicht und schrieb dir doch

von blauen Flecken und einer Erde

die auch ohne Menschen

gut zurecht kommen würde.

Du schriebst mir

das mit den Flecken wärst du nicht gewesen

und auf der Erde

werden immer Menschen leben.

Die Sonne ging auf

als ich nach Hause kam

waren meine Füße kalt

war mein Herz warm.

Unbewusste Bewusstheiten

Fetzen von Träumen taumeln

ungreifbar nah vor offenen Augen

durch meine verschlafene

Welt der Gedanken

ob es wahr ist oder nicht

geschah oder nicht

jene rannten

jene flogen

jene tanzten

zerplatzt und nie gewesen

die gelebten Erinnerungen

so klar vor ungläubigen Augen

erfasst von einem unsichtbaren Strom

des Bewussten im Schatten

eines täuschend echten Turms

zu deuten das

was

ich schließe meine Augen.

Wie ein Stern am Himmel.

Der Tod hängt über allem

hängt der Tod

über mir und über dir

hängt über allen

hängt der Tod

kommt mal leise angeschlichen

nach Jahren im tiefen Schlaf

und einem letzten Händedruck

den du ihr voll Liebe gabst

kommt mal plötzlich in dem Wissen

dass er viel zu früh ihn traf

beim Wandern ein Steinschlag

unerklärlich Jahr um Jahr.

Der Tod hängt über allen

hängt der Tod

über mir und über dir

hängt über allem

hängt der Tod.

Wie ein Stern am Himmel.

Die Feder

Eine Feder fiel wohin leicht

aus der Luft

fing ich unbewusst

schweifend in Gedanken sie

wäre gelandet

im duftenden Gras

unerkannt läge sie

bis wann

im hohen Gras

wanderte ich den Fluss

entlang zur Quelle

ließ los erst dann

bewusst die Feder

fiel seicht und glitt dahin

flussabwärts

Welle für Welle

bis ich sie nicht mehr sah

nie wieder.

Ein regnerischer Tag

Es bricht Wolke um Wolke

dicht fällt der Regen

am Morgen, am Mittag, am Abend

fällt dicht der Regen

prasselt an die Fensterscheiben

wir bleiben im Bett

spüren nach, dämmern weg

hören zu dem steten Treiben

der Regen fällt dicht

peitscht an die Fensterscheiben

Wolke um Wolke bricht

wir sehen zu dem regen Treiben

dicht fällt der Regen

wir liegen wach, dämmern weg

bleiben im Bett

am Morgen, am Mittag, am Abend.

Smucke Steed

Vom Hügel aus der weiche Blick in Richtung Förde

gerahmt von Sonnenstrahlen und alten Bäumen

Gras hochgewachsen in den Zwischenräumen

säumen verwunschen Hortensien den Weg

reich an Geschichte steht

zurückhaltend hier die alte Schule

heute ein Hotel

lichtdurchflutet und hell

erhöht

in klarer Ruhe

hält inne des Lebens Hast

fällt ab des Alltags Last

unweit von Wasser und Strand

rauscht der Wind durch Blätter und Zeit

raunt, wie in lang geträumten Träumen

„Tue nichts. Es gibt nichts zu versäumen.“

krächzen hin und wieder leise die Möwen

es ist, als wäre es hier anders niemals je gewesen.

Mein Gedicht „Eine Bank“ als Plakat

Moin zusammen,

seit Sonntag hängt mein Gedicht „Eine Bank“ aus dem Buch „#Lockdownlyrik“ von @fabian.leonhard (https://www.instagram.com/fabian.leonhard/?hl=de) und dem @trabantenverlag (https://www.instagram.com/trabantenverlag/?hl=de) gestaltet von @studio_othertypes (https://www.instagram.com/studio_othertypes/?hl=de) – Vielen Dank! – auf der @ot_posterwall (https://www.instagram.com/ot_posterwall/?hl=de) der @kunstklinik.hamburg (https://www.instagram.com/kunstklinik.hamburg/?hl=de) am Marie-Jonas-Platz, Hamburg, Eppendorf.

Schaut vorbei.

Liebe Grüße

Fritz Sebastian Konka

Zwischen Staub und Sternen

Im Hintergrund laufen die neuen Lieder

von Modest Mouse

wieder und wieder und wieder

höre ich die neuen Lieder

führen mich ins nirgendwo

zwischen Staub und Sternen

gehe ich und laufe ich

beweg ich mich umher

schwebe ich weiter

zurück zur Mitte

meine Gedanken hängen schwer

erinnerst du dich

wie ich dich fragte

warum ich bleiben sollte

wie ich wissen wollte

wieviel ein Gedanke wiegt

und wieviel deine Seele

und mir nichts anderes blieb

als deine Worte

„We‘ll all float on, okay?“

Auf der Schönberger Seebrücke

Eine Möwe sitzt auf dem Geländer

unter ihr die klare See

die Tage neigen sich dem Ende

gleich wird sie fliegen gleich

setzt ein Mann dorthin sich

wo sie noch eben saß

zwischen Angst und Fernweh

und den Jahren danach

setzt ein Kind sich dort

spielerisch und leicht

lässt es sich rücklings fallen

unter freudigem Geschrei

gleich

wird sie fliegen

gleich.

Die Insel

Zu sehen ist sie nicht

zu erahnen ist sie.

Der graue Himmel bebt

ich schaue an einen Leuchtturm gelehnt

hinüber zum anderen Ufer der Elbe

und seh ein im Kreis drehendes Licht

während es donnert

während es blitzt

während es gießt wie aus Kübeln

verschwimmen Himmel und Fluss

drunter und drüber und gegenüber

poltern Regentropfen auf Autodächer

wie erbsengroße Hagelkörner

mein Kopf in deinem Schoß

Im Osten erwarten die Kräne des Hafens

jene flussaufwärts fahrenden Schiffe

deren Lichter gleich verschwunden sein werden

nie werd ich sie wiedersehen

während es donnert

während es blitzt

während es gießt wie aus Kübeln

startet aus dem drehenden Licht

eine Möwe in die bald so weißen Wolken

des dann so strahlend blauen Himmels

unter ihr die inmitten des Flusses liegende Insel

die nicht zu sehen ist

die nur zu erahnen ist.

Der gefangene Drache

Am blauen Himmel zieht

ein Flugzeug weiße Streifen

so klar und so deutlich

als könnte ich sie greifen

wie schweifende Gedanken.

Ich sitze auf den Steinen

im Morgenlicht am Fluss

im Wissen, dass nichts muss

lausch ich mit Genuss

den Amseln und den Gänsen

wie diese landen, jene singen

den Glocken und den Booten

wie diese rudern, jene klingen.

In den Zweigen einer Weide

treibt im lauen Wind

ein Drache her und hin

ob das Kind ihn vermisst

in Gedanken bei ihm ist?

Am Elbstrand

Sonnenlicht spiegelt sich

im Wasser der Elbe

ich liege am Strand

und denke dasselbe

wie beim letzten Mal

als ich hier war

den Schiffen hinterher sah

ich habe die Wahl

zwischen hier und dort

zwischen bleiben und reisen

zwischen mir und dir

während die Fragen kreisen

wer fährt warum wohin

wer gibt sich dem Momente hin

wer denkt still vor sich hin

wer lebt ohne Fragen, ohne Sinn

Auch am Ende denke ich immer dasselbe

vor mir die auslaufenden Wellen der Elbe

vor mir das gleißende Licht

ich denke an dich.

Ich vermisse diese Nächte

die unbeschwert brennen

unchoreografiert explodieren

sich vibrierend verrennen

im Moment der Ewigkeit implodieren

treiben durch den Schall tanzender Ekstase

rasen im Hall eines brüllenden Beats

der sich schiebt durch diese hämmernde Oase

aus fliegenden Händen

tropfenden Decken und drängenden Wänden

der sich verliert im dumpfen Klang

aufeinander prallender Körper und

brüllender Wörter

im Unsinn der langen Weile

als Summe einzelner Teile

eines Feuerwerks

nassgeschwitzter Ausgelassenheit

gegenwärtiger Glückseligkeit

ich vermisse diese Nächte.

Es wartet warmherzig der Sinn

Eben noch in wachen Träumen

schau ich in den Himmel blau

vereinzelt ziehen Wolken

zu schnell, um sie zu deuten.

Unscharf tanzt der Schnee

im Vordergrund und

unscharf meine Gedanken

im Hintergrund und

unscharf fällt der Schnee

kaum merklich

manch Flocke steht gar

im wehenden Wind

vor den noch kahlen Bäumen

weder erwachsen noch Kind

sehnsüchtig in leeren Räumen

wartet warmherzig der Sinn

eben noch in wachen Träumen

auf der Straße fährt wer Rad

zur Arbeit durch den Schnee

eben noch lag ich wach

wiegst mich nun in deinen Armen

wohin der Wind mich trägt

wiegst mich nun in deinen Armen

ohne, dass ich je versteh.

Ostern 2021

Dies Ostern ähnelt

dem letzten Jahr

ein Ostern wie sonst

keines war.

Ohne ihn und ohne sie

im engsten Kreis

vermisse sie

die alte Normalität

die ohne Tests

die keine Masken trägt

die mit Umarmungen

die ohne Mahnungen

die unbeschwert in großer Runde

eng an eng am Ostertisch sitzt

und ja, ich vermisse gar

manch schlechten Witz.

Hin zum Herz

Von weitem seh ich dich

wie du mir entgegen gehst

du lächelst still

den Blick gesenkt

stumm stehe ich

wartend und

spüre sehnend dir entgegen

wie während einer Dürre

dem Sommerregen

spüre meinen Blick entgleiten

weg von Kontrolle

weg von Sachlichkeiten

komme

was wolle

hin zu dir

weg vom Kopf

hin zum Herz.

Von einem Kurzurlaub

Sie machte Urlaub in Berlin

für eine Woche nur

und traf unmittelbar

bei ihrer Ankunft

einen Mann

der obdachlos war.

Die beiden kamen ins Gespräch

tauschten sich aus

sie brachte ihm Essen

tagein

tagaus.

Wie ehrlich er war.

Sie einte der Mut.

Wie ehrlich sie war.

Sie einte die Wut.

Nach ihrer Abreise

hielten sie Kontakt

per Telefon

es ging ihr schlecht

das ahnte er schon.

Zwei Jahre später

verstarb sie an Krebs

in einem Hamburger Krankenhaus.

Er hatte zuvor für Stunden

ihre Hand gehalten

und wollte nur

kurz Blumen

holen.

Er war den Tag zuvor

aus Berlin angereist.

#Lockdownlyrik

Moin zusammen,

heute gibt es kein Gedicht.

Dafür will ich auf ein tolles gemeinnütziges Lyrik-Projekt zur Unterstützung der durch die Pandemie besonders betroffenen Obdachlosen aufmerksam machen.

So ist letzten Freitag die Anthologie „#Lockdownlyrik“ beim Trabantenverlag mit 100 Gedichten von 100 Autor:innen erschienen. Es sind unter anderem Texte von Sibylle Berg, Ulrike Almut Sandig und Thomas Gsella zum Thema Lockdown dabei (siehe auch: https://www.trabantenverlag.de/produktseite/lockdownlyrik-100-gedichte-von-100-autor-innen). Ich bin auch mit einem Text vertreten. Der gesamte Erlös des Buches geht an die Obdachlosenhilfe.

Das Buch ist infolge eines Aufrufes auf Instagram entstanden. Alle Autor:innen haben ihr Gedicht für den guten Zweck gespendet. Für weitere Informationen zum Projekt schaut auf der Hompage https://www.lockdownlyrik.de und dem Instagram-Kanal @lockdownlyrik (https://www.instagram.com/lockdownlyrik/?hl=de ) vorbei. Auch das Radiointerview des Initiators Fabian Leonhard mit Bayern 2 (https://www.ardaudiothek.de/aktuelle-interviews/lockdown-lyrik-fabian-leonhard-lyriker/86251798) ist sehr empfehlenswert.

Und jetzt kauft bitte alle diesen wunderbaren Band. Und zwar hier: https://www.trabantenverlag.de/produktseite/lockdownlyrik-100-gedichte-von-100-autor-innen

Der gesamte Erlös geht, wie gesagt, an die Obdachlosenhilfe! Erzählt es weiter und macht Werbung für dieses großartige Buch.

Folgt mir übrigens gerne auch auf Instagram (https://www.instagram.com/f_s_konka/?hl=de). Da trage ich unter anderem regelmäßig Gedichte vor.

Mit lyrischen Grüßen
Fritz Sebastian Konka

Hör deinem Traum zu

Es steht dort eine Wand

auf jenem Platz in Eppendorf

regelmäßig plakatiert

in schwarz und weiß und grau

doch heute strahlt sie Farben

in grün und gelb und rot und blau

strahlt sie Farben

und morgen kommt ein Mann

und plakatiert in schwarz und weiß

mit aller Ruh an die Wand

eine Sternschnuppe tragende Hand

sowie zwei Köpfe

die Ohr an Ohr klagend sagen

„Hör deinem Traum zu“

der linke Kopf

steht Kopf.

Glückstadt

Vor dem blauen Himmel

ragt ein blauer Schornstein

in die Höhe

unter ihm die Stadt

über den grünen Deich

hin zum Elbwatt

wandert mein Blick weich

am weißen Leuchtturm vorbei

ziehen Kraniche trötend

in die Heimat zurück

setzt die Fähre über

des wartenden Pendlers

alltägliches Glück

geht die Sonne über

der Elbe nieder

der Tag ist vorüber.

Zeit I

Ein Zeiger zeigt Sekunden an

ein andrer Minuten

ein nächster zeigt Stunden an

alle drehn sie Runden

im Takt

tick, tack

vergehen

Sekunden

Minuten

und Stunden

im Takt

tick, tack

drehen sie

Runden

anbricht ne neue Runde

in einer Sekunde

in einer Minute

in einer Stunde

bricht an ne neue Runde

Sekunde um

Minute um

Stunde.

Über Felder

Ich gehe über Felder

am Morgen im Sonnenschein

strahlen die Wälder

ich gehe querfeldein

ich suche nach Störchen

ich gehe allein

auf dem Weg zurück

findet mich dieses Gedicht

meine Suche als Ziel

wo führt sie mich hin

übern Zaun und darunter

die Suche als Sinn

lenkt meine Gedanken

irgendwohin

gehe ich am Morgen

im Sonnenschein

auf der Suche

nach

Störchen

querfeldein.

Hamsterrad

In dem Hamsterrad

lauf ich nicht mehr

vielmehr geh ich achtsam hin

und gehe achtsam her

in dem Hamsterrad

bleib ich oft stehen

schaue auf und schaue ab

es ist so viel zu sehen

in dem Hamsterrad

ein sehr weiter Schritt

wie schnell es sich jetzt dreht

doch natürlich halt ich mit

in dem Hamsterrad

geh ich nun sehr schnell

sehe kaum noch was

von dieser schönen Welt

ich gehe immer schneller

merke nicht, dass ich schon lauf

bis ich stolper und ich falle

aus dem Rad hinaus

und wie ich liege so daneben

wird mir auf einmal klar

neben mir das Leben

wie unachtsam ich war

dieser Gedanke eben

gibt mir neue Kraft

auf zum nächsten Anlauf

in das Hamsterrad

nur noch langsamer

nur noch achtsamer.

Winter / Frühling

Ich steh auf einer kleinen Brücke

schau dem Wasser zu beim Fließen

hör den Vögeln zu beim Singen

bald beginnt es hier zu sprießen.

Gestern noch lag Eis und Schnee

ein Tag wie tiefster Winter

heute weht ein lauer Wind

nimmt Abschied von dem Winter

gleicht einem Frühlingskuss

überschwänglich voller Lust

trifft sich unser Atem in der Luft

der Duft des Aufbruchs.

Unter Wasser

Ich tauche

unter Wasser

halte die Luft an

beweg mich so bewusst

wie ich es heute kann

so leicht ich bin

dein Spiegel

mit dem Wasser eins

fließe ich dahin

mit dem Wasser eins

dreh ich mich wohin

du dich gerade drehst

eine Pirouette

und du stehst

im Wasser

quer vor mir

gibst mir

einen Kuss

wir tauchen auf

Brust an Brust.

Nur nicht allein

Der Weg hierher fällt mir schwer

er ist uneben und vereist

ich rutsche hin und rutsche her

stolper immer wieder leicht

angekommen an dem Teich

knirscht unter mir das junge Eis

erste Risse sind zu sehn

doch weiter will ich gehn

in der Mitte bleib ich stehn

eisig pfeift der raue Wind

erweckt die Stimme der Vernunft

in meinem innern Kind

„Weiter gehst du nicht

du gingst bereits den halben Weg

den ganzen gehst du nicht

auch wenn du noch so mutig bist.“

Der Weg zurück fällt mir schwer

ich rutsche hin und rutsche her

doch ich komm bald wieder her

nur nicht allein.

Auf der Fensterbank

Ich sitze auf der Fensterbank

mit einem Kaffee in der Hand

vorbei zieht Rauch

Wind drückt an die Scheibe

trägt mich in mein Elternhaus

wie oft wog er mich dort

in den Schlaf

wie oft trug er mich fort

lag ich wach

wie oft küsste er mich

sacht in die Nacht

trägt mich in meine Studentenstadt

wie ich den Wind

als ständigen Begleiter

im Süden misste

den Gegenwind

der mich kaum

noch kitzelte und küsste

trägt mich an die Nordseeküste.

Mein Atem

Mein Atem strömt ein

mein Atem strömt aus

ich richte mein Bewusstsein aus

auf meinem Bauch

liegt meine linke Hand

die sich neigt und hebt

mit dem Bauch bewegt

den Rücken an der Wand

hör ich dem Atem zu

ohne, dass ich was tu

hör ich den Atem zu

ohne, dass ich was tu

strömt der Atem aus

strömt der Atem ein

mein Bewusstsein ist gerichtet

auf meinen Bauch.

Prokrastination

Was ich jetzt tun sollte

tu ich nicht

denn gerade will ich noch nicht

erstmal tu ich was anderes

nur was ich nun tu

das weiß ich nicht

vielleicht rufe ich dich an

vielleicht ein wenig Instagram

vielleicht geh ich spaziern

vielleicht werd ich was essen

vielleicht hab ich dann schon vergessen

was ich eigentlich tun sollte

und warum ich es eben nicht wollte

womöglich will ich es ja gleich

ist es zu spät, ob die Zeit noch reicht

wo ist sie denn nur geblieben

ach, ich vergaß, es war dieses Aufschieben.

Unsere Liebe

Unsere Liebe schlummert

unter alltäglichen Einzelheiten

fällt es ihr oft schwer

sich in Gänze zu entfalten.

Unsere Liebe blüht auf

wenn wir uns widmen

wenn wir uns sagen

was wir in uns tragen.

Unsere Liebe ist selten laut

meist leise, zart und zerbrechlich

doch taucht sie auf

ist sie vertraut und unvergesslich.

Drum schrei ich sie hinaus.

Mit Eicheln und mit Stöckern

Die Minigolfbahn geschlossen

wie das Hotel nebenan

ist nichts offen

sind nur deine Arme

empfangen mich

du trägst ein Strahlen im Gesicht

kletterst übern Zaun

wie in alten Zeiten

trau ich mich kaum

du redest mir Mut zu

von der andern Seite

überzeugst du mich im Nu

folg ich dir übern Zaun

du wartest bei den Löchern

mit Eicheln und mit Stöckern

spielen ich und du

schließlich in Seelenruh

sitzen nun auf unsrer Bank

du nimmst meine Hand

und schaust mir in die Augen

ich würd dir alles glauben.

Kein Gedicht

Ich schreibe ein Gedicht

noch weiß ich nicht, was

also schreibe ich, dass

ich nicht weiß, was

während ich auf dem Bett liege

mit dem Handy in der Hand

trotz aller Liebe

ohne Stift und Papier

bei wenig Licht

comes das Handy in handy

zumal ich ständig korrigier

und auf die Schnelle

wild um die Schrift stelle

von dort nach hier.

Die Entscheidung

Eben noch saß sie auf der Bank

schaute auf das flache Land

und nahm sich Zeit

auf ihrem Weg zur Arbeit

dachte sie nach weswegen

wofür und wie will sie leben

so nicht, das war ihr nun klar

es ist unehrlich und unwahr

sie stand auf und rief ihn an

lief auf und ab und sagte dann

„Ich möchte etwas zum Guten bewegen

in meinem, diesem einzigen Leben.“

Er verstand, während er nach Worten rang:

„Dein Leben sollst du leben

frage stets wofür, wie und weswegen

endlich wirst du wissen, wo lang.“

Sie setzte sich wieder auf die Bank

schaute auf das flache Land

sie saß dort stundenlang

ehe sie schließlich gang.

zum einkauf der dinge

ruhig, still und leise

wie an nem feiertag

aber auf ne gespenstische weise

an jedem wochentag

bleiben wir wenn möglich

allein drinnen zu haus

gehn nur raus, wenn nötig

setzen uns masken auf

zum einkauf der dinge

des täglichen gebrauchs

wie ich immer wieder ringe

mit den dingen und ihrem lauf

warum es ist, wie es ist

es sollte anders sein

nein, es ist, wie es ist

es kann nicht anders sein.

fünf minuten

fünf minuten hab ich

für dieses gedicht

jetzt nicht mehr

sind nun nur noch vier

denk zu viel

schreib zu wenig

bräuchte wohl ein bier

ein alkoholfreies natürlich

drogen sind für mich nicht mehr

außer kaffee versteht sich

und auch mal ein wenig teer

naja, und ab und an

gönn ich mir nen schnaps

wers glaubt, der hats

aber nun, ich schweife ab

jetzt sind es nur noch drei

in wirklichkeit gar nur noch zwei

jetzt denk ich nochmal richtig nach

für ein würdiges ende

ende.

tschüss

hab dich viel zu lang

nicht mehr gesehn

wie konnte das geschehn

lag es an mir

lag es an dir

wollte es verstehn

schrieb dir

wann wir uns wiedersehn

du schriebst nicht

und dann irgendwann

mit vielen worten

dass du nicht kannst

ich verstand

es fehlte nie die zeit

du bist schlicht nicht bereit

würd gern sagen, ist halt so

dass es mich sehr trifft

ohne jegliches wieso.

Zwei kleine Sonnen

Zwischen zwei Laternen

steht im Fernen die Sonne tief

die eben scheinbar noch

hinter grauen Wolken schlief.

Wie prägt sie unser aller Sein.

Ganz gleich wird sie verschwunden sein

ganz gleich wird sie woanders schein‘

ganz gleich werden die Laternen leuchten

wie zwei kleine Sonnen erleuchten.

Mitten zwischen ihnen stehe ich

und kann mich nicht entscheiden

möchte gehen, möchte bleiben

sehe ich das Dunkle nicht

hinter all dem Sonnenlicht?